Stunde Null: Ultimatum – Kapitel 10

Autor: Sebastian Dobitsch
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Das Wort Rache klang in Thoms Ohren wie eine Melodie. Für ihn bedeutete es süße Genugtuung für Jahre voller Leid und einen endgültigen Abschluss seines ehemaligen Lebens. Die Knechtschaft war vorüber und es wurde Zeit, eine neue Existenz einzuläuten, auch wenn diese mit dem Vergießen von Blut begann. Nachdem er den letzten Tag zusammen mit Hassan seine Rache geplant hatte, war der ersehnte Moment nun endlich gekommen.

Tiefe Nacht war über die Stadt hereingebrochen, düstere Wolken schoben sich vor den Mond und ein kühler Luftzug brachte die Äste der umliegenden Bäume zum Knirschen. Völlig reglos verharrte Thom in der Deckung einer hoch aufragenden Fichte, seine klammen Finger um das Okular eines Nachtsichtgerätes geschlossen. Vor seinen Augen zeichnete sich hügeliges Terrain ab, das vom grünen Schleier des Nachtsichtgerätes eingefärbt wurde. Von der bewaldeten Anhöhe, auf der er sich befand, offenbarte sich ein ausgezeichnetes Sichtfeld.

Zu seiner Linken erstreckte sich ein unbewohntes Waldgebiet, wogegen auf der rechten Seite eine Landstraße in die Ausläufe der Stadt mündete. Eine Weile lang betrachtete er wortlos den sanft vor ihm abfallenden Hügel, bis sein Augenmerk schließlich auf dem quadratischen Bau eines Herrenhauses haften blieb. Es handelte sich um ein großes, von allen Seiten ummauertes Gebäude. Die Front zeigte auf die hell erleuchtete Straße, wohingegen die Rückseite auf eine große Weide gerichtet war. Ein tiefer Seufzer entstieg Thoms Kehle, dann wandte er seinen Kopf zu Hassan.

»Das ist Ivans Anwesen, sagst du?«

»Ja«, antwortete Hassan, ohne seinen Blick von dem entfernten Gebäude abzuwenden. »Erkennst du es nicht? Es sieht genauso aus wie auf den Bildern, die ich dir gezeigt habe. Die Informationen unseres Gönners lassen keinen Zweifel daran.« Unruhe beschlich Thoms brennende Entschlossenheit und Hassan legte ihm beschwichtigend die Hand auf seine Schulter. »Alles in Ordnung?«, fragte er und musterte Thom mit einem eindringlichen Blick.

»Ja, natürlich.« Er sog scharf die kühle Nachtluft ein. »Ich bin nur ein wenig angespannt, mehr nicht.« Ein verständnisvolles Brummen drang aus Hassans geschlossenen Lippen.

»Bist du dir wirklich sicher, dass du das alleine machen willst? Ich kann dir helfen.«

»Ich bin sicher«, beharrte Thom stur. »Wir dringen gemeinsam in das Anwesen ein, aber den Rest muss ich alleine erledigen, verstehst du? Das ist etwas Persönliches.«

»Wie du meinst.« Hassan zuckte mit den Schultern und löste sich aus dem Schatten der hoch aufragenden Bäume. »Bist du bereit? Dann lass uns beginnen.« Er schlich den Hügel hinab, dicht gefolgt von Thom. Ihre Körper verloren in der Dunkelheit jegliche Kontur, sie zerflossen geradezu im Mosaik des trüben Zwielichts. Kein Geräusch erklang, während sie sich langsam dem schwach beleuchteten Anwesen näherten, außer dem leisen Rascheln des Grases. Bei jedem Schritt begann Thoms Herz schneller zu schlagen, fast so, als spränge es gleich aus seiner Brust.

Hastig folgte er den Schritten seines Vordermanns, bis sie nur noch wenige Meter von der Gebäudeumfriedung entfernt waren. Vor ihnen ragte das gänzlich in Weiß gestrichene Herrenhaus empor, dessen durch Kameras gesicherte Mauer für einen Laien unüberwindbar erschien. Für Thom und Hassan stellten diese trivialen Sicherheitsvorkehrungen jedoch keine Abwehr dar. Bereits im Vorfeld hatten sie die bestehenden Hindernisse analysiert und sich einen geeigneten Plan zurechtgelegt. Zu ihren Gunsten befand sich auf der Umfriedung nur eine geringe Anzahl an Kameras, wodurch es ohne größeren Aufwand möglich war, diese an der richtigen Stelle zu umgehen. Beinahe lautlos überquerten sie die letzten wild bewachsenen Meter, ehe sie im Schatten der groben Steinmauer angelangten. Thom blickte prüfend an ihr hinauf und wandte sich ein letztes Mal zu Hassan um. Dieser schüttelte nur kurz den Kopf, deutete einige Meter weiter nach links und positionierte sich von Neuem.

»Bist du bereit?«, fragte Hassan, während sich sein kräftiger Körper gegen den kühlen Stein der Grundstücksmauer presste.

»Ja bin ich.«

»Dann los!« Mit einer schnellen Bewegung trat Thom in Hassans gefaltete Hände, zog sich an dem rauen Gestein empor und ließ sich wie eine Schlange über den höchsten Punkt der Mauer hinweg gleiten. Die Dunkelheit verschlang seinen Körper binnen Sekunden. Nur wenige Augenblicke später stieg auch Hassan über das Hindernis. Seine Bewegungen wirkten routiniert und präzise. Nicht das leiseste Geräusch war entstanden, fast als wäre er über das Hindernis geschwebt. Durch ein flüchtiges Nicken symbolisierte Thom, dass er bereit war und pirschte auf den dunklen Schatten des Anwesens zu. Vor ihnen erstreckte sich eine weitläufige und bizarr wirkende Poollandschaft. Eine Reihe von Palmen steckte im frostigen Boden, neben welchen sich große, entwässerte Becken unter einer bleichen Plane ins Erdreich gruben. Etwas irritiert wechselte Thom mit Hassan einen Blick, ehe sie sich abermals in Bewegung setzten.

Das schimmernde Neonlicht der Becken vertrieb mit einem Mal die schützende Dunkelheit und tauchte das Grundstück in einen trüben Dschungel gedämpfter Farben. Vorsichtig schlich Thom durch die unwirkliche Landschaft und ging neben einer faserigen Stechpalme in Deckung. Von diesem Punkt aus eröffnete sich ein weites Blickfeld, das bis zur gläsernen Fassade der Terrasse reichte. Im Inneren des Gebäudes brannte zwar Licht, doch war keine Menschenseele zu erkennen.

»Gut«, schlussfolgerte Hassan neben ihm gedämpft und ging leicht in die Hocke. »Bis hierhin war es einfach. Nun bist du wohl auf dich alleine gestellt.« Eine kurze Pause entstand und Hassan zog einen länglichen Gegenstand aus dem Inneren seiner Jacke. »Das könntest du vielleicht gebrauchen.« Seine Finger hielten ihm das umwickelte Bündel entgegen. »Hast du so etwas schon einmal benutzt?« Thom ergriff den Saum des Tuches, schlug es beiseite und blickte auf den geschwärzten Griff einer Pistole.

»Nein. Aber ich weiß, wie sie funktioniert.« Ein gerissenes Lächeln erschien auf seinen Lippen, bevor er dankbar Hassans Hand ergriff. »Das weiß ich zu schätzen. Ich werde dich und den Gönner nicht enttäuschen!« Hassan klopfte ihm verabschiedend auf die Schulter.

»Genieße es. Das hier ist deine Rache.« Mit diesen Worten lösten sich seine Umrisse aus dem Schatten der Palme und verschwanden im trüben Nebel der Nacht. Stille kehrte ein und Thom blickte mit gemischten Gefühlen auf die Waffe in seinen Händen. Das war alles, was er die letzten Jahre begehrt hatte und nun war der Moment gekommen. Ein warmes Prickeln pulsierte durch die Spitzen seiner Finger. Er steckte die Pistole beiseite, blickte sich um und kroch weiter durch den künstlichen Urwald. Nur wenige Meter vor ihm erstreckte sich bereits eine Terrasse aus dunklem Holz, an deren Ende eine geöffnete Glastür stand. Wie hypnotisiert blickte Thom zu der sich ergebenden Chance herüber. Jegliche Furcht war nun aus seinen Knochen gewichen und an ihre Stelle trat eiserne Entschlossenheit.

Mit raschen Schritten verließ er das trübe Dickicht, erklomm die Stufen zur Terrasse und trat durch die gläserne Eingangstür.

Seufzend verließ Ivan die dampfend heiße Luft der Sauna, streckte seine müden Glieder und wickelte sich ein Handtuch um die breite Hüfte. Der Ruhestand war herrlich und so war er nicht herum gekommen einige Kilo zuzunehmen. Mit selbstgefälligem Gang setze er sich in Bewegung, ergriff eine Hand voll Eiswürfel und presste sie gegen seine aufgeheizte Haut. Ein wohliges Stöhnen drang aus seiner Kehle, während er wankend vor einem vergoldeten Spiegel hielt. Die Jahre zeichneten sich bereits deutlich auf seiner Haut ab, allerdings störte er sich daran nicht im Geringsten. Er hatte alles erreicht, was sich ein Mensch nur vorstellen konnte und lebte nun sein ruhiges Leben. Dieser Reichtum war all die vergangenen Mühen wert. Zu Beginn seiner Laufbahn war er nur ein Kleinkrimineller unter vielen gewesen, bis ihn sein finanzieller Scharfsinn schnell vorangebracht hatte. Er bereute nichts. Gemächlichen Schrittes verließ Ivan die beheizten Bodenfliesen und stieg die hölzerne Treppe hinauf. Obwohl er unmittelbar mit schnellen Schritten begann, wurde er bereits nach wenigen Stufen langsamer. Er war tatsächlich nicht mehr in bester Form und so zeichneten sich am Ende der Treppe bereits dicke Schweißperlen auf seiner Stirn ab. Die Frage, ob er sich einen Aufzug einbauen sollte, hatte sich soeben geklärt. Pfeifend durchwanderte er den hellen Wohnraum, ließ sich ächzend auf die Couch sinken und nahm eine Zigarre vom gläsernen Beistelltisch. Das duftende Tabakblatt roch herrlich, weichte aber unter seinen nassen Fingern unangenehm auf. Ivan warf schimpfend die Zigarre zu Boden, rieb sich die Finger am ledernen Bezug der Couch ab und entzündete eine neue. Noch während er genüsslich einen tiefen Schwall dunstigen Rauches in den Raum blies, wanderte sein Blick über die Fasern des Teppichbodens, auf deren Oberfläche ein bräunlicher Fußabdruck prangte. Irritiert richtete sich Ivan auf und begutachtete den Fleck.

Ein schlammiger Fußabdruck besudelte das herrliche Weiß seines Bodens und eine zornige Röte schoss ihm in die Backen. Vermutlich war Pavel draußen im Regen herumgelaufen und hatte nicht auf seine schmutzigen Sohlen geachtet. Ein verächtliches Schnauben blähte seine Nüstern.

»Pavel?«, rief er seinen Leibwächter hitzig und ließ sich wieder auf sein Sofa fallen. Der Fleck störte ihn im Wesentlichen kaum. Einem Mann wie ihm ging es vielmehr um den Respekt. Höfliche Unterwürfigkeit seitens anderer Menschen war das Mindeste, das Ivan erwartete. Zeitgleich vernahm er das Geräusch näher kommender Schritte, die langsam hinter ihm zum Stehen kamen. »Ah, da bist du ja«, brummte er in strengem Ton und deutete auf den befleckten Teppich. »Wie kannst du dir das erklären?« Er verzog seine Augenbrauen zu einem erbosten Stirnrunzeln. Keine Antwort erklang. »Du fühlst dich wohl nicht angesprochen, oder?«, herrschte er mit einem Mal los, wirbelte herum und erstarrte. Vor ihm stand nicht Pavel, sondern eine gänzlich fremde Person. Mit bebenden Lippen stolperte er zurück, blickte sich nervös um und besann sich abermals seiner gewohnten Dominanz. »Was wollen Sie hier? Sie haben auf meinem Anwesen nichts zu suchen. Verschwinden Sie, oder ich lasse Sie erschießen!«, zeterte er mit geballter Faust. Ungerührt dieser Drohung ging Thom weiter auf ihn zu, beugte sich auf provozierende Nähe heran und zog seine Pistole. Ivans rote Gesichtszüge erblassten schlagartig und er hob beschwichtigend die Hände. »Glaub mir, das würdest du bereuen«, zischte er vorsichtig drohend und wich langsam zurück. »Wer schickt dich? Ich bin schon lange aus dem Geschäft!« Wortlos ging Thom weiter auf ihn zu, unternahm aber keine Mühe, zu antworten. »Ich habe Geld!«, argumentierte Ivan schließlich in versöhnlichem Ton. Jegliche Selbstsicherheit war aus seinen fleischigen Gesichtszügen verschwunden. »Wir können das auch anders klären. Sag mir deinen Preis.« Ohne auf die verzweifelten Angebote einzugehen, trat Thom nach vorne, fixierte Ivan mit verachtendem Blick und schlug ihm die Pistole ins Gesicht.

Mit einem überraschten Jaulen hielt dieser sich die schmerzende Stirn, fluchte leise in seinen Schnurrbart und taumelte zurück. Noch bevor seine bebenden Lippen etwas erwidern konnten, ergriff Thom bereits das Wort.

»Schweig!«, befahl er gebieterisch und richtete den Lauf der Waffe direkt auf seine Stirn. »Du wirst jetzt genau tun, was ich dir sage!« Ein unsicheres Stammeln erklang, bevor Ivan seine gehässige Tonlage wieder fand.

»Du begehst einen schweren Fehler. Sobald ich rufe, wird mein Leibwächter deinen erbärmlichen Körper mit Blei durchlöchern!« Unbeeindruckt schlug Thom noch einmal zu und packte Ivan fest am Hals.

»Schrei ruhig, so laut du kannst, denn niemand wird dich hören.« Verdattert begannen Ivans Augen umherzuhuschen. Ein spöttisches Lächeln spielte sogleich um Thoms Lippen. »Überrascht dich das? Es ist nicht das erste Mal, dass dein Leibwächter sich davon schleicht, während du deinen fetten Körper zum Schwitzen bringst.« Wie bei einem an Land gezogenen Karpfen begann sich Ivans Mund immer wieder zu öffnen und klanglos zu schließen. Jeglicher Laut blieb in seinem breiten Hals stecken.

»Wer bist du?«, keuchte er schließlich ungläubig.

»Ich stelle jetzt die Fragen!«, ertönte sogleich die Antwort. »Hier entlang!« Mit rascher Bewegung packte er Ivan an seinem behaarten Nacken und stieß ihn unsanft voran. Thom folgte seinem Opfer, fast wie ein Metzger, der das Schwein auf die Schlachtbank führte. Nun gab er den Takt an und beherrschte das Geschehen mit der Erhabenheit eines Dirigenten.

»Was hast du mit mir vor?«, keuchte Ivan über seine Schulter gewandt. Die Sorge war seinem Gesicht mittlerweile deutlich anzusehen.

»Das wirst du noch rechtzeitig erfahren.« Thom stieß ihn ein weiteres Stück voran. Wie ein wehrloser Sklave humpelte Ivan durch einen weiten Gang und blieb schließlich auf einen bellenden Befehl hin vor der Tür seines Badezimmers stehen.

»Öffnen!«, wies Thom ihn an, wobei er den kalten Lauf der Waffe unmittelbar gegen seinen Hinterkopf drückte. Gehorsam legte Ivan seine Finger um den glänzenden Messinggriff und ließ die Holztür aufschwingen. »Jetzt geh rein!«, erfolgte ein weiterer Befehl. Die Worte drangen so kalt aus Thoms Lippen, dass diese beinahe zu gefrieren schienen. Anstandslos setzte Ivan seine bleiernen Füße in Bewegung und zupfte hilflos sein rutschendes Saunatuch zurecht. Auch sein Geiselnehmer trat hinter ihm in den lichten Raum, doch er blieb in einigen Metern Entfernung kurz vor dem Türrahmen stehen. »Dreh dich zu mir um!« Mit widerstrebender Langsamkeit wandte Ivan seinen behäbigen Körper und starrte geradewegs in Thoms eisblaue Augen. Für eine Weile trafen sich ihre funkensprühenden Blicke, dann senkte sich die bedrohliche Pistole. »Du willst wissen, wer ich bin? Warum du meine Geisel bist? Ich werde dir deine Frage beantworten.« Eine kurze Pause ließ den Raum in greifbarem Unbehagen erstarren und Ivans Nackenhaare stellten sich fröstelnd auf. »Es ist mehr als 17 Jahren her. Damals hast du einen unschuldigen Mann ermordet, einen Dolch in seine Brust gerammt und ihn in einer wassergefüllten Badewanne ausbluten lassen. Seinen kleinen Sohn, hast du in der brennenden Wohnung zurückgelassen. Erinnerst du dich?« Ratlos suchte Ivan nach einer passenden Antwort.

»Was willst du von mir hören?«, beteuerte er verständnislos. »Soll ich sagen, dass es mir Leid tut? Das ist schon ewig her, ich bin aus dem Geschäft draußen. Wieso interessiert es dich, wem ich was angetan habe?« Wortlos musterte Thom sein Gegenüber mit einem zerschmetternden Blick und begann, die Knöpfe seines Hemdes zu lösen. Völlig irritiert starrte Ivan ihm entgegen, bis er mit völlig entkleidetem Oberkörper vor ihm stand. Erst als Ivan die schrecklichen Brandnarben sah, die sich wie giftige Schlangen um den kompletten Körper wanden, leuchtete die Erkenntnis in seinen Augen auf.

»Du?«, prustete er entsetzt. »Warum bist du nicht tot?« Ein abwertendes Zischen löste sich augenblicklich von Thoms Zunge.

»Weil du immer noch lebst. Das Schicksal hat einen grausamen Humor.. Schau hinter dich und rate, was dich jetzt erwartet?« Erschrocken drehte Ivan seinen Kopf und stellte fest, dass er unmittelbar mit dem Rücken zu der Badewanne stand.

»Nein, mach keine Dummheiten«, stotterte er unbeholfen. Erst jetzt hatte die Angst ihn vollständig erfasst. Ungerührt trat Thom einen Schritt näher heran, steckte jedoch überraschend die Pistole beiseite.

»Ich bin nicht wie du«, knurrte er unter zusammengebissenen Zähnen. »Ich gebe dir die Chance, die mein Vater niemals hatte.« In diesem Moment zog er eine blitzende Klinge hervor und warf seinem Kontrahenten eine identische Waffe vor die nackten Füße. Wie betäubt blickte Ivan auf das blank polierte Metall. Sein aufgewühlter Verstand musste erst einmal verarbeiten, was soeben geschehen war. Dann stürzte er sich gierig auf das Messer. Kaum hatten seine Finger die Waffe umschlossen, griff er an. Trotz einer heftigen Attacke verfehlte er Thoms agilen Körper und die Klinge fraß sich klirrend in eine Wandfliese. Auch ein zweiter und dritter Hieb brachten lediglich die Luft in Wallung. Thom wich seinen Angriffen geschickt aus, machte ihn zum Narren, als wäre es bloßes Spielzeug, was er in Händen hielt.

»Mistkerl!«, jaulte Ivan verzweifelt. Die panische Anstrengung verlangte seinem Körper jegliche Kraft ab. Dicke Schweißperlen rannen seine Stirn hinab und verliehen den aufgeblähten Backen einen feuchten Glanz. Mühelos wehrte Thom Ivans plumpe Angriffe ab und ging selbst zur Attacke über. Voller Zorn ließ er das Messer immer wieder auf seinen Gegner niederfahren. Ivan konnte dem Klingenhagel nichts entgegensetzen. Schnitt für Schnitt wurde seine Haut von Wunden übersät. Hellrotes Blut floss über seinen Körper, doch hatte er seinen Willen noch nicht verloren. Stöhnend ließ er die Klinge voran wirbeln und setzte einen schwingenden Faustschlag hinterher. Das Messer verfehlte sein Ziel, der Schlag traf. Eine Erschütterung fuhr durch Thoms Wangenknochen. Seine eiserne Konzentration blieb. Er wich dem nächsten Angriff aus und setzte einen gezielten Treffer gegen Ivans Brust.

Wie ein harpunierter Wal begann sein massiger Körper zu schwanken. Aus zahllosen kleinen Schnitten lief das Blut. Thom ließ den Anblick auf sich wirken. Sein Rachedurst blieb ungestillt. Ivan hatte sich derweil gefangen. Mit erhobener Klinge sprang er auf ihn zu. Im letzten Moment tauchte Thom unter dem Angriff hinweg und bohrte seine Klinge zwischen die atemlos gespreizten Rippen seines Widersachers. Ein kehliger Schrei erklang und Ivan stürzte zu Boden. Sein gesamter Körper lag nun ausgestreckt auf den weißen Fliesen, die sich unter seinen zuckenden Bewegungen langsam in schmieriges Rot verwandelten. Sichtlich zufrieden musterte Thom den qualvollen Todeskampf und beugte sich schaulustig über sein Opfer.

»Wir sind noch nicht am Ende«, sagte er kaltblütig. »Aber es ist bald vorbei.« Röchelnd blickten Ivans verquollene Augen zu ihm herauf, wobei Thom das in seinen Rippen steckende Messer fest umschloss. »Aufstehen!«, befahl er barsch und zog den im Sterben liegenden Körper auf die Knie. »Kommt dir das bekannt vor?«, herrschte er emotionsgeladen. Seine von Blut verschmierten Handschuhe umschlossen Ivans Kehle. »Jetzt schicke ich dich dorthin, wo auch du meinen Vater hin verbannt hast. In ein ereignisloses, schwarzes Nichts. Es wird Zeit zu sterben!« Er hob ruckartig den schweren Körper empor und ließ ihn scheppernd in die Badewanne fallen. Ein leidvolles Stöhnen ertönte sogleich aus Ivans Rachen. Erbarmungslos beugte sich Thom über ihn, betätigte den Wasserhahn und beobachtete, wie das Leben langsam aus seinem Erzfeind entwich. Erst, als das verfärbte Wasser ihm bereits bis zur Brust gestiegen war setzte die unregelmäßige Atmung aus. Ivans Augenlider schlossen sich, seine Haut nahm eine mattweiße Farbe an und jegliche Regung war aus seinem Körper gewichen. Schweigend verharrte Thom auf dem Rand der Badewanne und starrte dem verblichenen Leichnam entgegen. Ein seliges, wenn auch verstörendes Gefühl ergriff ihn. Er hatte endlich Rache an dem Verbrecher genommen, der sein Leben vollständig aus den Fugen gebracht hatte. Nur aufgrund dessen gieriger Schandtaten lag sein Vater auf unwürdige Weise unter der Erde verscharrt. Eine tiefe Zufriedenheit überkam Thom, gleichzeitig war er sich bewusst, dass er eine unwiederbringliche Grenze überschritten hatte, vom Kleinkriminellen zum Mörder. Seine Entscheidung war nicht mehr rückgängig zu machen. Der Gönner hatte sein Wort gehalten und er beabsichtigte, ihm denselben Respekt zu erweisen. Beim Anblick von Ivans erblasster Leiche überkam ihn so viel wärmende Genugtuung und Freude, dass er zu frösteln begann. Für einen kurzen Moment widerte er sich selbst an, dann streifte er die Zweifel einfach ab. Er hatte sich für ein neues Leben entschieden. Eines, in dem kein Platz mehr für moralische Bedenken war. Feierlich schloss er den sprudelnden Wasserhahn, wandte sich ab und verließ, ohne noch einmal zurückzublicken, den blutigen Ort seiner Rache.