Mein Wahnsinn – Die Ketten der Schlange

Autor: Martin Länger

Die Schuhsohlen von Gwyn klopften auf den verzierten Steinboden als er sich kurze Zeit später vor der Kathedrale, in der Mitte des Friedhofes, wiederfand. Hmm…“, grübelte er vor sich hin, während er die große Pforte betrachtete, die am Ende der Stufen wartete. Plötzlich sah er ein kleines Licht am Fenster aufflackern.

Hm? Arbeitet um die Uhrzeit noch jemand hier?“, es dauerte nicht lange und seine Kuriosität war geweckt. Diese wurde durch seinen angeheiterten Zustand nur ermutigt.

Warum eigentlich nicht? Ich bin auch lieber hier als an meinem Schreibtisch.“, flüsterte er sich mit einem entschlossenem Nicken zu. Beim Besteigen der Treppe hallte der Klang seiner Sohlen durch die einsame Nacht. Auf der letzten Stufe angekommen, bewunderte er die eiserne Pforte, vor der er stand. Verzweigtes Geäst, gespickt mit Dornen, ragte über der massiven Tür. Die riesigen Griffe in der Mitte waren schon so stark eingerostet, dass sie kaum noch Ähnlichkeit mit dem Rest des Einganges besaßen. Fasziniert von dem ungewöhnlichem Design, fing er an, mit seinem Finger über die Oberfläche zu streichen. Er bemerkte zwei ziemlich ausgefallene Türklopfer, deren Köpfe denen von Reptilien glichen. Die Griffe schienen lange Zungen darzustellen. Doch bevor er auch nur darüber fantasieren konnte, was dies wohl zu bedeuten hatte, zog er an einem und lies den Klopfer gegen die Tür fallen. Zu seiner Verwunderung, öffnete sich sogleich das gesamte Tor ohne weiteren Aufwand. Ein lautes Quietschen und Knarren ertönte und gewährte ihm schließlich einen Blick in das Innere des Gebäudes.

Leicht beunruhigt, betrat er vorsichtig das alte Gemäuer. Hallo?! Ist da Jemand?“ rief er zaghaft hinein. „Normalerweise würde ich mich darüber lustig machen, wenn hier jemand einfach so hereinspazieren würde, aber wenn man selbst vor der Wahl steht, ist es einfach zu verlockend.“, dachte er sich mit einem vor Freude strahlendem Grinsen, während er mit dem Zeigefinger an seiner Nasenspitze rieb und behutsam seine Entdeckungsreise begann. Er ging aufgeregt durch den Eingangsbereich, bei dem Gedanken, dass er eigentlich nicht hier sein sollte.

Kurz darauf betrat er die große Halle. Vor ihm bauten sich einige Holzbänke auf, die durch die angezündeten Kerzen, aus den Vorräumen der Seitengängen, in ein sanftes, warmes Licht getaucht waren. Steinerne Rundbögen und Statuen gehörten ebenfalls zur Einrichtung. Der rote Teppich in der Mitte des Ganges führte zu einer Art Altar. Gwyn folgte diesem Pfad. Er war noch immer aufgeregt, obwohl er nichts ungewöhnliches oder abnormales bemerkte. Im Gegenteil: Ein familiäres Gefühl machte sich in ihm breit. Im Vorbeigehen strich er mit seiner linken Hand über die Bänke. Kurz darauf hielt er sich beide Hände trichterförmig vor den Mund: „Hallo?! Das Tor war bereits offen. Ich hoffe, es stört Sie nicht, dass ich selbst einen kurzen Besuch abstatte. Ich wollte nur Bescheid geben, dass das Schloss eventuell ausgewechselt werden sollte.“.

Das ist jedenfalls der einzige Grund, bei dem ich mich traue ihn zuzugeben.“, ging es ihm durch den Kopf. Doch auch als nach erneutem Rufen niemand antwortete, senkte er seine Arme wieder. „Als ob es hier irgendjemanden interessieren würde.“, flüsterte er anschließend.

Er begann sich weiter umzusehen, bis er beinahe am Ende des Teppichs angekommen war. Das Licht der Kerzen schien hier besonders schwach und er hatte große Mühe den Altar detailliert zu erkennen. Sein Blick wanderte von dem schmalen Fuß des Sims bis nach oben.

Er versuchte angestrengt die Silhouette vor sich zu erkennen, indem er seinen Hals verkrampft nach vorne streckte und sich Falten auf seiner Stirn bildeten. Allmählich gewöhnten sich seine Augen an die Dunkelheit und ermöglichten es ihm, erste Details ausfindig zu machen. Es handelte sich bei dem Werk anscheinend um ein massives Kreuz, nichts ungewöhnliches. Doch da war noch etwas anderes. Etwas das ihm merkwürdig vorkam. Sein Blick wurde noch konzentrierter, die Atmung ruhiger und seine Sinne schärfer.

WAAAAHHHHH!“ schrie er plötzlich laut auf, während er über seine eigenen Füße nach hinten stolperte und mit seinem Kopf an eine der Holzbänke knallte. „Was zur Hölle ist das?!“ rief er außer sich.

Das ungewöhnliche Etwas, dass eben noch an dem Kreuz befestigt war, bewegte sich. Es rutschte von seinem Platz, bis es schließlich mit einem dumpfen Schlag auf dem Boden aufkam.

Es war etwas, dass bis vor wenigen Sekunden noch völlig unbeweglich und starr auf dem Altar thronte. Er wollte nicht darüber nachdenken, was es sein könnte und wer dafür verantwortlich war. „Je länger du still sitzt, desto näher kommen die Wölfe um dich zu holen. Dass du nicht mehr weg kannst, merkst du erst, wenn es zu spät ist.„, ging es ihm durch den Kopf.

In seiner Panik stützte er sich von der Bank ab und rannte so schnell er nur konnte zu der Tür, durch die er gekommen war. In seiner Eile stolperte er über seine eigenen Beine, keuchend, ohne sich nochmal umzudrehen. Er knallte mit seinem Körper gegen die Pforte der Kathedrale. Doch es war ihm egal. Er merkte es nicht mal. Das einzige woran er denken konnte war seine Flucht. Seine Verzweiflung stieg, als er an der Eingangstür rüttelte und nichts geschah.

W-wie kann das sein?! W-was geschieht hier?!“, stammelte er in seiner Fassungslosigkeit.

Die Tür war doch eben noch offen. Niemand hat sie geschlossen und selbst wenn, wie hätte ich das überhören können?! Was zum Teufel ist hier nur los?!“, dachte er sich, während seine Gedanken rasten um die Situation zu verarbeiten. Doch ehe Gwyn innehalten konnte, um sich und seine Gedanken zu sammeln, hörte er ein schweres Rasseln von Ketten, die über den steinigen Boden und den Teppich schleiften. Er drehte sich reflexartig um. Ein Schauer jagte über seinen Rücken und seine Pupillen weiteten sich, als er sah, wie eine schwarze Silhouette begann sich aufzurichten und auf ihn zu zumarschieren. In seiner Angst bemerkte er nicht einmal, wie es ihn schrittweise zurück trieb. Seine Stirn schwamm in Schweiß und die ersten Tropfen landeten auf dem Boden.

Er versuchte zu rationalisieren was passierte, doch je mehr er versuchte nachzudenken, desto ängstlicher wurde er. Sein Herz fing mit jedem Wimpernschlag an, schneller zu schlagen, während das Geräusch der Ketten immer näher kam.

Oioi!“, rief der Schatten ihm zu. „Wie kann man nur so unhöflich sein?“, sprach eine männliche Stimme. Das einzige was sich Gwyn allmählich zu erkennen gab, war eine fast schon menschenähnliche Gestalt. Ein lautes Knacken war zu hören, als der Schatten mit seiner Hand an seinen Nacken fasste und diesen ruckartig von rechts nach links einrenkte.

Es war ihm alles zu viel. Er wollte nicht wissen, wer oder was das war, oder woher es kam. Mit diesem Ding reden wollte er schon gar nicht. So versuchte er erneut die Tür hinter sich aufzurütteln. Seine Fingernägel versuchten sich an dem Stahl fest zu krallen, doch ohne Erfolg. Er war gefangen, wie eine Maus in einem Labyrinth ohne Ausgang. In seiner Verzweiflung griff er, in der gedimmten Beleuchtung, nach dem Erstbesten was er in die Finger bekam und schleuderte so einen der Kerzenständer in Richtung der Kreatur. Beinahe wie in Zeitlupe, sah er wie der Ständer sich mehrmals um die eigene Achse drehte und die Flammen der Kerzen dabei erloschen.

Plötzlich zog ein gewaltiger Windsturm an ihm vorbei und er hielt sich schützend die Arme vor sein Gesicht. Sein Mantel flatterte wie wild im Wind und zugleich war die Kreatur spurlos verschwunden.

Der Rückstoß des Windes sauste durch die komplette Halle und zwang ihn beinahe in die Knie. Der Kerzenständer flog zu Boden und hatte bereits sein Ziel verfehlt. Am liebsten hätte Gwyn seine Augen zugenäht, damit er sie nie wieder öffnen musste. Das Gefühl in seinen Fingerspitzen verließ ihn und er betete, dass es sich nur um eine Einbildung seines übermüdeten Geistes handelte.

Oi! Ich rede mit dir.“, erklang es erneut, diesmal links von Gwyn, der mit einem weiteren Aufschrei zur Seite sprang. Jetzt konnte er die Kreatur erkennen. Sie saß gelassen, in der Hocke, im schwachen Licht auf der Lehne einer Bank. Grüne, spitze Pupillen schimmerten ihn bedrohlich an. Die Augen einer Schlange, die ihre ahnungslose Beute anvisierte. So sehr er auch Angst hatte, so sehr war er von den Augen fasziniert. Gwyn nutzte den Moment, um dieses Etwas zu mustern.

Dieses Ding war menschenähnlich, scheinbar männlich und ein wenig größer als er selbst. Gehüllt in einen langärmeligen, schwarzen Mantel auf dem grüne Glyphen eingeebnet waren und einer Kapuze, die fast das ganze Gesicht verdeckte. Sein Oberkörper war in ein schwarzes Gewand gekleidet, welches einer Art Weste ähnelte und mit verschiedenen silbernen Gürtelschnallen verziert war. Die Gürtelschnallen waren mit braunen Lederriemen befestigt. Darunter trug er ein schlichtes, weißes Hemd. Seine Kleidung war eng an seiner athletischen Statur anliegend. Die Ärmel waren von grauen Ketten umschlungen, welche an einigen Stellen in seinem Mantel verschwanden und an anderen wieder zum Vorschein traten. Alleine der Anblick seiner klauen-artigen Hände war furchteinflößend.

An der braunen Hose konnte er nichts ungewöhnliches feststellen. Dieses Ding trug einen unspektakulären Gürtel. Die braunen Stiefel, hatten einen metallenen Aufsatz an der Vorderseite. „Kikiki.“, ein ungewöhnliches Kichern schoss aus der Gestalt hervor, während sich ein breites, weißes Grinsen unter der Kapuze bildete. Gwyn lief ein Schauer den Rücken hinunter.

Ihm stand jedes einzelne Haar zu Berge und sein Herz hörte für einen kurzen Moment auf zu schlagen. Die weißen, reiß-artigen Zähne, die ihn im Kerzenschein anlächelten, waren das furchterregendste was er je gesehen hatte.

Ich hoffe dir ist bewusst, was meine Ankunft für dich bedeutet, kleiner Mensch.“, frohlockte der Mann, während er von der Bank hinab hüpfte und sich vor Gwyn aufbaute. Doch bevor dieser antwortete, war er bereits tiefer in die Halle geflüchtet und verkroch sich in einer dunklen Ecke. „Fufu“, lachte es erneut und aus dem mild beleuchteten Saal fokussierten sich die unheilvollen grünen Augen wieder nur auf ihn. Sie schienen sich bis tief in seine Seele zu bohren. Je länger sich ihre Blicke kreuzten, desto mehr verspürte Gwyn einen stechenden, immer stärker werdenden Schmerz in seiner Brust.

Weißt du… ich hatte immer gehofft, dass sich auch für mich eines Tages die Pforte öffnen würde.“, gab er von sich, während er beide Fäuste an seine Taille anlegte und sich interessiert umsah.

Ay, ay.“, seufzte er anschließend, während er sich mit seiner Hand am Hinterkopf kraulte, „Es kommt mir alles noch wie ein verschwommener Traum vor. Kennst du das Gefühl? Als sollte man sich an etwas erinnern, aber man weiß einfach nicht an was.“.

Während die Gestalt anfing mit sich selbst zu reden, griff Gwyn in seiner Panik nach den nächsten Gegenstand, den er finden konnte. Er fand den Spendenteller in der Nähe des Altars und warf ihn in die Richtung des Fremden. Doch auch dieser verfehlte sein Ziel. Wie von Zauberhand sah Gwyn, wie die menschlich erscheinende Kreatur verschwand und auf der anderen Seite des Saales wieder auftauchte, noch immer vertieft in seinen Monolog.

Jetzt wo es endlich so weit ist, weiß ich gar nicht wie ich mich verhalten soll. Ich meine, wer weiß schon was für ein verschrobener Kerl du bist, wenn ausgerechnet ich hi-…“. Erneut wurde dieser Satz nur unterbrochen, weil Gwyn einen Gegenstand warf, von dem er selber nicht wusste, was es war. Der Fremde tauchte einen Meter neben dem Gefäß auf, welches nun klangvoll zu Boden ging und eigentlich ihm gewidmet war.

Ich hab’s!“, verkündete er voller Begeisterung, während er seine Faust auf seine flache Hand fallen ließ.

Du!“, und wandte sich blitzartig in Richtung Gwyn, welcher bereits einen weiteren Kerzenständer griffbereit hielt. Ein erneuter erfolgloser Wurf folgte. Alles schien vergebens. Gwyn konnte es nur als eine Art Teleportation bezeichnen. Plötzlich war die Gestalt an einem komplett anderen Ort als zuvor. Der aufgewirbelte Staub und der Rückstoß, waren die einzigen übriggebliebenen Indizien seiner Präsenz.

So, Schluss jetzt mit dem Theater kleiner Mensch! Du hörst mir jetzt gut zu, ansonsten garantiere ich für nichts.“, er tauchte plötzlich vor Gwyn auf und packte seine Hand, während er sein Gesicht beinahe auf das von Gwyn presste. Mit seiner anderen Hand spreizte er die Augenlider an Gwyns rechtem Auge weit auseinander. Gwyn dachte, er würde ihm sein Auge herausreißen wollen.

Es war das erste Mal dass die merkwürdige Gestalt und er Angesicht zu Angesicht standen.

Du und ich, wir sind ab heute Partner.“, seine grünen Reptilienaugen zogen sich fest zusammen, während sie tief in die ängstlichen Augen Gwyns schauten.

Ich hatte zwar eigentlich vorerst nicht daran gedacht mich mit dir anzufreunden, aber da ich dank dir endlich frei bin, will ich mal nicht so sein. Jetzt können wir die Welt auch gemeinsam auf den Kopf stellen. Was sagst du?!“, doch Gwyn blieb stumm und so fuhr der Fremde fort.

Dachte ich’s mir doch. Du bist der selben Meinung. Fabelhaft! Lass uns loslegen und die Realität aus den Angeln heben.“. Ohne dass Gwyn auch nur ansatzweise den Mut aufnehmen konnte um zu antworten, beendete die Figur das Gespräch und übernahm auch seinen Anteil der Konversation. Verängstigt sah er ein, dass jeder weitere Versuch sich zu wehren hoffnungslos war. Doch irgendetwas ließ ihn nicht los. Das Gefühl einer kleinen Glut, die tief in seinem Unterbewusstsein glühte und nur darauf wartete entzündet zu werden, schlummerte in ihm.

W-wie machst du das?“, brach es plötzlich aus ihm hervor. „Wie mache ich was?“, hakte der Mann unbekümmert nach. „Diese merkwürdige Teleportation. So etwas habe ich noch nie gesehen.“, Gwyns Augen fingen beinahe an zu Funkeln vor Neugier. „Kiki, ach das?! Das soll was besonderes sein?“, fragte er in seinem selbstgefälligen Ton. Sogleich verschwand er auch wieder vor Gwyns Augen und tauchte hinter ihm, auf der Spitze des Altars, mit weit ausgestreckten Armen

wieder auf. „Das ist keine Teleportation. Dein kleines Menschen Auge ist einfach nur viel zu langsam.“, erklärte er herablassend. „Herrje sind alle Menschen so leicht zu beeindrucken wie du? Ich dachte derjenige, der mich befreit, wäre jemand besonderes. Doch ich langweile mich jetzt schon. Hm?!“, er hielt plötzlich inne, als er die Ketten an seinen Armen bemerkte.

„Befreit? Was soll das bedeuten? Wer bist du?“, fragte Gwyn bestärkt in seiner Neugier. Doch konnte er nur verdattert zusehen, während der Angsteinflößende sich spielerisch und fast schon krampfhaft, versuchte, die Ketten von seinem Ärmel abzureißen – jedoch ohne großen Erfolg.

Huh? Sie gehören also nicht zu ihm? War er also doch eine Art Gefangener?“, fragte sich Gwyn innerlich. „Hey!“, rief er in der Hoffnung, die Aufmerksamkeit seines Gegenüber zu erlangen. „Antworte mir endlich! Wer bist du und was willst du von mir?!“. Augenblicklich stoppte der mysteriöse Mann jede Bewegung und drehte seinen Kopf langsam in die Richtung von Gwyn.

Vor einer Sekunde noch hätte ich schwören können du machst dir in dein Höschen. Was ist passiert?! Hast du plötzlich Eier bekommen oder bist du einfach nur unglaublich naiv Bürschchen, hae?!“.

W-wenn du mir etwas hättest antun wollen, hättest du es bereits getan.“, erwiderte er zaghaft.

Kikikii, vielleicht spiele ich einfach nur gern mit meinen Opfern bevor ich sie foltere.“, hörte er es von der Kreatur lachen, während diese sich nun komplett vor Lachen schüttelte und über Gwyns Äußerung amüsiert war.

Du hast ja keine Ahnung in was für einer Situation du dich befindest, oder? Es mag vielleicht stimmen, dass ich deine kleinen schlotternden Knochen für den Moment noch aneinander lasse, doch gibt es hiervon kein Zurück mehr. Wir sind ab Heute eins.“, blitzschnell tauchte er auf einer der Bänke neben Gwyn auf und streckte sich mit einem gelangweilten Gähnen.

Mit einem Grinsen fuhr er fort: „Der Moment, in dem du mir die Freiheit gewährt hast, hat unser beider Schicksal besiegelt. Deine Realität wird ab heute nie wieder dieselbe sein. Dein altes Leben ist für immer vorbei. Eine Verantwortung, vor der man nicht davonlaufen kann. Ich bin gespannt, ob du zu irgendetwas zu gebrauchen bist.“.

Und was ist wenn ich einfach gehe? Willst du mich dann umbringen? Es fällt mir schwer so einen Unsinn zu glauben.“, echauffierte sich Gwyn, ganz zur Überraschung des Unbekannten.

„Ho?“, wunderte der sich, als er in die Augen von Gwyn sah, die von einer eigenartigen Aura umgeben waren, die zuvor nicht nicht präsent war. Es schien beinahe so, als wäre es dem jungen Mann gelungen seine Angst zu unterdrücken und sich seiner wirren Situation zu widersetzen.

Nun gut kleiner Mann, du hast mich überzeugt. Ich spüre deine Willenskraft. Drum lass dich nicht von mir aufhalten.“, befürwortete der Fremde ihn aus heiterem Himmel und begann mit seiner Hand übermäßig stark zum Abschied zu winken.

Kämpfe für dein Vaterland. Impfe deine Kinder mit deinen Idealen und infiziere dein Leben mit Belanglosigkeiten. Von hier an und für alle Zeit mögest du frei sein.“, er klatschte daraufhin zwei mal theatralisch in seine Hände, sodass ein Echo bis ans andere Ende der Halle erklang.

Mit einem Mal schlug die gewaltige Pforte der Kathedrale sich erneut auf. Dies geschah mit einem derartigen Ruck, dass man hätte meinen können, sie wird gänzlich aus ihrer Verankerung gerissen, während ein lautes Rumoren durch das Bauwerk zog und durch Gwyns Knie zitterte.

Wirklich? Ich kann einfach so gehen?“, atmete Gwyn erleichtert und erstaunt auf, als er die frische Abendluft von draußen schon förmlich riechen konnte. Der Fremde winkte ihn gleichgültig ab, woraufhin Gwyn nicht länger überlegte und in Richtung Ausgang los rannte. Endlich würde er frei sein und dieser Alptraum wäre vorüber. Er rannte so schnell seine Beine ihn trugen, bis er an dem Springbrunnen vor dem Gebäude heil angekommen war.

Deine Eltern haben dich nicht zufällig in den Keller gesperrt, weil du etwas ganz besonderes warst, oder?“, ertönte eine Stimme über ihm, auf der Spitze des Brunnens. Vor lauter Schreck riss es Gwyn mit einem weiteren Schrei zu Boden.

Ich hab dir doch gerade erst erklärt, dass es kein Zurück mehr gibt. Hörst du den Leuten nicht zu wenn sie mit dir reden? Ich weiß ihr Menschen seid Meister des Egoismus, aber das ist nun wirklich kein Teamgeist.“.

Warum?! Was passiert hier nur? Warum ich?“, er brabbelte nun unkontrolliert aus, was ihm gerade in den Sinn kam, als die Hoffnung die ihm gemacht wurde, zu erlöschen drohte.

Glaube mir, ich bin auch nicht sonderlich begeistert.“, seufzte der unheilvolle Kerl enttäuscht, „Ausgerechnet ich kann das spezielle Kind der Krabbelgruppe betreuen. Machen wir einfach das beste daraus. Ok?“. Gwyn konnte es immer noch nicht glauben. Es musste sich einfach um einen bösen Traum handeln. Seine Hände vergruben sich tief im Kies, während seinem Verstand die Erklärungen ausgingen. „W-wie kann das nur sein? Warum ich?!“.

Nun ist aber Schluss Kleiner! Nicht einmal ich bin so unhöflich.“, der Fremde hielt inne. „Ach, Moment.“, bemerkte er blitzartig und streckte seinen langen Zeigefinger zum Himmel. „Ich weiß was uns fehlt. Wir haben uns gar nicht richtig vorgestellt. Nun gut. AHEM.“, räusperte er sich und begann zu verkünden, „Mein Name ist Delirias. Es freut mich deine Bekanntschaft zu machen. Möge unsere Reise ereignisreich sein und die Welt verändern.“, er reichte Gwyn seine in Ketten gehüllte Hand. Doch Gwyn war starr vor Angst. „Was?! Zu dick aufgetragen? Ach Quatsch. Und nun hoch mit dir!“ lachte der Mann ihn hämisch an.

Wie kannst du verlangen, dass ich das einfach so akzeptiere?!“, antwortete Gwyn wie in Trance. „Es gibt kein Entkommen. Also: auf, auf kleines Häschen.“, Delirias klatschte dabei in die Hände als würde er mit seinem Haustier sprechen. „Je länger du still sitzt, desto näher kommen die Wölfe um dich zu holen. Dass du nicht mehr weg kannst, merkst du erst, wenn es zu spät ist.“.

Gwyn krallte sich mit seinen Fingern an seinem eigenen Gesicht fest „W-was geht h-hier bloß vor sich?“, stammelte er mit weggetretenem Gesichtsausdruck vor sich hin, während er sich zusammen kauerte.

Hmm?! Nun gut. Eigentlich wollte ich es dir nicht sagen, aber du hast mich ertappt. Bist du nun zufrieden?! Wiedermal ein Mensch, der es nicht abwarten konnte direkt hinter die Kulissen zu blicken und die wundervolle Illusion auszulöschen.

Dir ist schon bewusst, dass ein Mysterium auch etwas positives sein kann, oder?!“, Delirias verfiel in einen manischen Redefluss. „Die Illusion ist weg, der Vorhang auf, der Zauber gebrochen. Der Assistent ist geteilt und das Publikum am Boden. Habt ihr nun was ihr wolltet, oh großer Meister? Nein?! Wie viel braucht es noch, bis ihr endlich zufrieden seid?!“, sprudelte es ohne Pause aus dem Mann heraus, während dieser überschwänglich vor Gwyn auf und ab marschierte. Er warf sich die Kapuze seines schwarzen Mantels über und verstellte seine Stimme.

Ich bin ein Gott, eine höhere Macht. Allein hierher gereist, nur um dir deine tiefsten Wünsche und Sehnsüchte zu erfüllen“, flüsterte er plötzlich in Gwyns Ohr, während lediglich die grünen Augen und ein fieses Grinsen unter dem Schatten der Kapuze erkennbar waren.

Ein bisschen Dankbarkeit wäre nicht fehl am Platz, findest du nicht auch? Kikiki…“, kicherte Delirias vor sich hin, während er sein Gesicht zum Himmel streckte.

Es reicht.“, sagte Gwyn, als hätte er bemerkt, dass seine Angst nur zum Spot diente, „Noch bin ich nicht verzweifelt genug, um solchen Schwachsinn zu glauben.“, allmählich rappelte er sich auf und putzte sich die kleinen Kieselsteine von der Kleidung.

Und genau aus diesem Grund werde ich jetzt gehen. Mach was du willst. Noch nie habe ich so einen Unsinn erlebt.“. Zum ersten Mal war Delirias ernsthaft interessiert an Gwyns Verhalten. Ebenso wie er es schaffte problemlos zwischen infantilen Späßen und unheilvollen Drohungen zu wechseln, so hatte auch Gwyn innerhalb weniger Sekunden ihr Treffen als banalen Streich seines Geistes abgestempelt und war im Begriff zu gehen. „Du spielst mit meinen Gefühlen. Haben wir uns nicht gerade erst kennengelernt? Solltest du mich nicht zumindest zum Essen ausgeführt haben, bevor du mich verlässt?“, stichelte Delirias weiter, der die Situation sichtlich genoss.

Ohne weitere Bemerkung verließ Gwyn augenblicklich das Areal und tatsächlich schien das seinen Zustand zu stabilisieren. Nicht länger schien er verfolgt zu werden, von der wahnsinnigen Gestalt die sich selbst Delirias nannte. Er sah sich auf dem Weg zurück noch einige Male um, doch nirgends war auch nur eine Spur von der Gestalt zu sehen. Die Stimme verstummte, die Schatten verschwanden und das Lachen versiegte. Alles war ruhig, bis auf den seichten Abendwind der durch seine Kleidung flatterte.

Angekommen an seiner Haustür, der gewohnten Nr. 221A, griff Gwyn tief in die Seitentasche seines Mantels, auf der Suche nach seinem Schlüssel. Als er schließlich fündig wurde, bemerkte er, wie ein schweres Objekt mit einem stumpfen Knall zu Boden fiel. Ohne groß nachzudenken, beugte er sich um nachzusehen. Doch während er seine Hand danach ausstreckte, zuckte er plötzlich zusammen. Vor ihm lag ein geöffnetes Metallschloss, allerdings ohne den dazugehörigen Schlüssel. Lediglich Dellen und Spuren von Abnutzung an der Seite, wo das Schloss geöffnet worden war, waren zu sehen. „Das reicht!“, rief er lauthals. Er hatte endgültig genug. Bereits zu oft, hatte er sich heute seine Schwächen eingestanden und beinahe den Verstand verloren. Sogleich beförderte er das Stück Metall mit einem schwungvollen Wurf in das nächstgelegene Gebüsch und kümmerte sich nicht weiter darum.

Er öffnete die Tür zu seinem Haus und ließ sie langsam hinter sich zufallen. Wie so oft tat er so, als hätte er etwas nicht gesehen. Dadurch musste er sich nicht weiter damit auseinanderzusetzen. Eines bemerkte er dabei jedoch nie. Sein Unterbewusstsein vergaß nichts. Ausgelaugt und müde schloss er seinen Tag in Gedanken ab, während seine Augen in seinem Bett allmählich zufielen. Die grünen Augen einer verstörenden Gestalt blitzten ein letztes Mal furchteinflößend vor seinem geistigen Auge auf, bis sein Körper schließlich seiner Erschöpfung nachgab und er in das Land der Träume abdriftete.