Die Künstlerin

Es war an einem Samstag Nachmittag im Januar. Ich saß in der Tram auf dem Weg zum Einkaufszentrum am S-Bahnhof Schöneweide. Trotz einer mehrtägigen Trinkpause schwirrte mir noch immer ein leichtes, dumpfes Katergefühl durch meinen Schädel. Eine gewisse Trägheit, welche nur durch den Konsum von Marie J ausgelöst wird, steckte mir zusätzlich in den Knochen.

Dieser Zustand, eine gewisse Betäubtheit, konnte meine Anziehung zum anderen Geschlecht jedoch nicht unterdrücken. Nichts kann das. Mein letzter Sex war sicherlich drei Wochen her. Und der war nicht gut. Der letzte gute war 7 Monate her. Und das ist eine verdammte lange Zeit.

Als ich so halb benebelt, mehr als sexuell ausgehungert in der Straßenbahn saß, sah ich wie an der Haltestelle Wilhelminenhofstraße Ecke Edisonstraße eine attraktive Frau in meine Bahn stieg. Sie trug ein Lächeln auf den Lippen und ich… ich hatte einen stehen. „Wann spreche ich sie wie am besten an?“, ging es mir durch den Kopf. Sie stellte sich hinter mich. Noch zwei Stationen bis ich raus musste.

Erfahrungsgemäß ziert sich das schöne Geschlecht, sobald man ihm gegenüber, auf so engem Raum und vor den Augen von Unbeteiligten, die eigenen Absichten offenbart. Erschwerend kam hinzu, dass die Dame hinter mir stand. Ich hätte ihr nach einer ziemlich umständlichen Drehbewegung erklären müssen, was man jemandem so erklärt, auf den man es abgesehen hat. Nicht sehr elegant. Es wäre vermutlich der Eindruck entstanden, ich hätte es sehr nötig.

Meine Beine wurden weich. Ich bekam Angst, meine Beute zu verlieren oder schlimmer noch: sie zu verscheuchen. Also bloß nicht in der Gesindelkutsche angreifen. Cool bleiben. Durchatmen.

S-Bahnhof Schöneweide“. Aussteigen Bitte! Ich zog es vor das öffentliche Reisegefährt gemächlich zu verlassen, während der Pöbel wie immer ein Wettrennen der Fetten und geistig Beschränkten veranstaltete. Nicht jedoch meine Beute. Während am Ausgang das Gestöhne und Gemecker begann, blieb sie hinter mir stehen. War der Moment günstig? Sollte ich attackieren? Nein – zu hektisch. Cool bleiben!

Sie ging an mir vorbei. Ich hinter ihr her. Zügigen Schrittes nahm sie Kurs auf den S-Bahnhof. Ich folgte ihr langsam. Der Abstand wurde größer. Sollte ich die Sache sein lassen? Was wenn sie nein sagte? Wozu überhaupt? Was wollte ich ihr denn sagen? „Hallo, schöne Titten! Bock zu bumsen?“ oder „Nja, mir ist da was aufgefallen. Du trägst da ein seltene Jeansjacke, wie ich sie zuletzt bei meiner Urgroßmutter sah. Wie du zu diesem Stück kamst, solltest du mir unbedingt bei einem Museumsbesuch erörtern.“. Scheiße! Zu meinen weichen Knien gesellten sich kalte Füße. Mir flogen Argumente durch den Kopf, warum es besser war, sie nicht anzusprechen. Und weil ich eigentlich nicht zur S-Bahn musste, sondern, du erinnerst dich, ein anderes Ziel hatte, stand ich nun vor dem Bahnhofsgebäude und sah zu, wie sie sich weiter und weiter von mir entfernte.

Und während ich mich meinen Zweifeln ergab, begannen meine Beine zu laufen. Erst Schritt für Schritt, dann immer schneller. Etwas in mir hatte entschieden. Ich musste sie unbedingt erreichen, bevor sie bei den Treppen ankam.

Um sie nicht zu erschrecken, durfte ich ihr nicht einfach von hinten meine Hand auf die Schulter legen. Also nährte ich mich von der Seite, bis sie mich aus dem Augenwinkel sehen konnte. Ich sagte: „Entschuldigung.“. Sie drehte ihren Kopf zu mir und blieb langsam stehen. Dummerweise stolperte sie über eine Kante, als sie mir ihren Körper zuwandte. Ich hielt sie am Arm und sagte: „Sorry, ich wollte dich nicht erschrecken. Du bist mir in der Bahn aufgefallen. Ich finde dich ziemlich attraktiv. Hast du Lust mal mit mir nen Kaffee trinken zu gehen?“. Sie: „Hm, ja ok.“. Ich: „Cool. Dann gib mir am besten deine Nummer und wir machen was aus. Ich bin Rico.“. – „Ich bin die Künstlerin.“. Wir holten unsere Handys raus. Während ich ihre Nummer eintippte, tauchten dank der Auto-Vervollständigung Nummern einiger vergangener Liebschaften auf meinem Display auf. Die Kellnerin, die Köchin, die Sekretärin, die Personalerin, die Controllerin, die Marketingangestellte, die Geschäftsführerin, die Einlasserin, die Garderobistin, zwei, drei Ladys von der Tanzfläche, die eine hinter der Bar, die andere hinter der Bar, die Clubbetreibererin, die Polizistin, die Anwältin, die Staatsanwältin, die Richterin, die Strafvollzugsbeamtin, die Notärztin, die Krankenschwester, die Chefärztin. Während die Parade an uns vorbei zog sagte sie kein Wort. Anscheinend wusste sie worauf es hinaus lief.

Abschließend sagte ich ihr, dass ich mich darauf freue sie bald zu treffen. Wir verabschiedeten uns.

Am nächsten Abend, so gegen neun, dachte ich mir: „Alter, du musst dich bei ihr melden und ihr zeigen, dass du sie willst.“. Gedacht, getan. Ich rief sie an. Sie war spontan genug sich mit mir am selben Abend zu treffen. Wir verabredeten uns zum Essen bei einem Inder um die Ecke. Witzig. Dort hatte ich ca. ein Jahr zuvor das erste Date mit der Zahnärztin.

Die Künstlerin erzählte mir, dass sie aus Bratislava komme und vor knapp 1 ½ Jahren nach Berlin kam, um hier zu studieren. Das erklärte ihren erotischen Akzent. Seit ihrer Kindheit zeichne sie leidenschaftlich gerne. Zur Zeit hauptsächlich mit Aquarell. Sie holte ein Büchlein hervor in dem sich Skizzen und aktuelle Werke befanden. Sie war gut.

Nachdem Essen verließen wir das Lokal und ich fragte, ob sie noch bei mir einen Film schauen wolle. Sie stimmte zu. Der Sex an dem Abend war der beste, den ich seit langem hatte.

In den folgenden drei Wochen trafen wir uns regelmäßig. Ich verliebte mich. Scheiße. Sie war großartig. Zumindest für mich. Zumindest in dem Moment. Sie hatte eine schlanke Figur, ein gebährfreudiges Becken und einen wohlgeformten, handvoll großen Busen. Die Augen einer Löwin zierten ihr hübsches Gesicht. Ihr dunkelblondes Haar stand strohig in alle Richtungen ab und deutete daraufhin, dass sie eine Kreative war. Und das war sie. Trotz einer langen akademischen Bildung waren Ihre Ansichten zu vielen Dingen außergewöhnlich und interessant. Sie war belesen und redete mit einer Engelszunge.

Auf der anderen Seite war sie in einigen Punkten lächerlich naiv und das obwohl sie 27 war. Ohne die Finanzierung ihrer Eltern hätte sie vermutlich ihre Wohnung verloren, oder sich an einen Mann gebunden, der sie unterstützt hätte. Aber so ist das mit den Langzeitstudis. Die Härte und auch die verborgenen Chancen des Berufslebens bekommen sie erst sehr spät zu spüren. Dennoch: Sie gefiel mir.

Zu meinem Leidwesen forderte sich mich bald auf, mich nicht zu verlieben. Zu spät. Leidenschaftlich gerne praktiziere sie die freie Liebe. Ich würgte innerlich, aber sagte kein Wort. Wenn ich mit den Bedingungen einverstanden sei, seien weitere Treffen möglich. Ich war einverstanden.

Wenn ich die Künstlerin in ihrer Wohnung traf, fand ich eine ausladend unordentliche Wohnung vor. Sie räume nur auf, wenn sie Besuch bekomme. Als ich fragte was ich denn sei, sagte sie: „Naja, nächste Woche kommt eine alte Freundin aus Bratislava. So einen Besuch meine ich.“. In der Zeit, in der ihre Freundin da war, trafen wir uns nicht. Als ich sie nach dem Besuch in ihrer Wohnung traf, war es tatsächlich ordentlicher.

Im Nachhinein betrachtet war die Künstlerin nicht nur unordentlich, sondern auch bei der Körperpflege nachlässig. Während ich mir die Mühe machte, vor jedem Treffen zu duschen, roch sie immer nach einem langen Arbeitstag. Nicht dass sie stank, es deutete jedoch darauf hin, dass sie ungepflegt war. Aber wo die Liebe hinfällt…

Nachdem ich diesen Zustand feststellte, spielte ich mit dem Gedanken, sie unter die Dusche zu schicken, wenn wir uns trafen. Es blieb beim Gedankenspiel. Entweder war ich zu verliebt, um auf diesen hygienischen Missstand hinzuweisen oder ich hatte Angst, meine frisch erworbene Quelle sexueller Befriedigung zu versiegeln. Vielleicht redete ich mir auch nur ein, dass ich verliebt war. Denn eigentlich hatten wir nur Sex, wenn wir uns trafen.

Bald schon meldete sich die Künstlerin nicht mehr bei mir. Wenn ich sie anrief, sagte sie mir, dass sie beschäftigt sei.

Zwei Wochen nach unserem letzten Treffen schrieb ich ihr eine Nachricht in der ich ihr offenbarte, dass ich an sie dachte und sie bald treffen wollte. Sie schrieb mir, dass ich nicht an sie denken sollte, sie im Moment total verwirrt sei, viel zu tun habe und wir uns eventuell nächste Woche treffen könnten. Eventuell nächste Woche?! Das war zu viel! Nachdem ich die Nachricht las, fuhr ich mitten in der Nacht zu ihr.

Zugegeben: Ich kam unangekündigt. Ihre Wohnung war sehr verwahrlost. Auch für ihre Verhältnisse. Überall lag schmutzige Wäsche und Zeug rum. In der Spüle stapelte sich schmutziges Geschirr bis zum Boden des darüber hängenden Küchenschrankes. Ich hatte sie kalt erwischt.

Sie befreite einen Stuhl von Kleidung und bot ihn mir an. Sie füllte zwei Weingläser randvoll mit Weißwein und exte ihrs. Ekelhaft. Ich trank nichts. Wie konnte eine so schöne, kluge und gebildete Frau nur so verloren sein?

Ich sagte, dass ich Klarheit wollte. Auch wenn das mit uns locker sei, erwartete ich regelmäßige Treffen. Wenn auch nur für Sex. Während sie zu jammern begann, wanderte mein Blick durch das Zimmer ihrer Einraum-Wohnung. Oh Gott, wie vermüllt es war. Mein Blick traf eine, neben der auf dem Boden befindliche Matratze, liegende Kondompackung. War gerade jemand hier?

Wut und noch mehr Ekel machten sich in meiner Bauchgegend breit. Ich ließ mir nichts anmerken. Sie weinte. Keine Ahnung warum. Offensichtlich wurde sie eben gebumst und hinterher kommt noch ein Idiot zum Quatschen. Is doch super.

Klarheit war mein Ziel. Diese hatte ich nun. Ich wusste nun, was ich vom Zusammensein mit einer Frau in Zukunft erwarten würde. Aus Höflichkeit sagte ich, dass ich mich freue, wenn sie mir bald mitteile, ob sie mich regelmäßig treffen wolle. Sie sollte sich Gedanken machen und sich dann melden. In Wahrheit wollte nun auch ich sie nicht mehr sehen. Ich ging.

Am nächsten Abend rief sie mich an. Sie sagte, dass sie vor die Wahl gestellt, mich nicht mehr treffen wolle. Ich sagte ihr, es sei ok und stimmte verständnisvoll zu. Auf einmal fing sie an mir im Jammerton zu erklären, dass sie sich von mir nicht angezogen fühlte. Offensichtlich. Sie könnte sich nicht weiterhin aus Höflichkeit mit mir treffen. Während sie jammernd weiter plapperte legte ich auf. Es war genug. Aufgrund eines gewissen Selbstschutzreflexes hatte ich in der Nacht zuvor alle Emotionen zum Rückzug aufgefordert. Und sie kamen.

Nach diesem Gespräch fragte ich mich allerdings, ob ich so bemitleidenswert wirkte, dass man das Gefühl bekam, sich aus Höflichkeit mit mir treffen zu müssen. Nicht etwa, weil mein Penis so groß war, oder ich so gut mit umgehen konnte, aufgrund meines Charmes oder außergewöhnlich guten Aussehens. Aus Höflichkeit?! Echt jetzt?

Mein Handy vibrierte. Eingehende SMS der Künstlerin. „Sorry, dass ich das am Telefon gemacht habe. Du findest sicher eine ganz ganz tolle Frau und wirst mega glücklich.“. Ich musste schmunzeln. Eine halbwegs geordnete Frau für regelmäßige Treffen wäre ein guter Anfang.

Die nächsten Tage verbrachte ich damit, die leichten Schmerzen zu verarbeiten, die mir die nun bewusst gewordene Abweisung zugefügt hatte. Ich fuhr mit dem Bus durch die Stadt.

Ich fragte mich, ob ich zu hart mit ihr war. Hätte ich mir dieses nicht enden wollende Klagelied bis zum Schluss anhören und ihr sagen sollen, dass es mein Fehler war? War es mein Fehler? Vielleicht. Offensichtlich war sie mindestens an jenem Abend in einer katastrophalen Verfassung und ich hatte nur an mich und meine Ego gedacht. Ich hatte ein schlechtes Gewissen. Ich schrieb ihr, dass ich mich dämlich verhalten hätte und es mir leid tue. Wenn sie reden wolle oder Hilfe brauche, könne sie sich gerne bei mir melden. Mehr konnte ich nicht tun.

Während ich schweren Herzens mit dem Bus durch die Stadt fuhr, sah ich am Alexanderplatz eine attraktive Frau zu mir in den Bus steigen. Alles war vergessen. Sie setzte sich mir gegenüber, schaute mich jedoch nicht an. Im meinem Kopf kreiste nur eine Frage: „Wann spreche ich sie wie am besten an?“.