Dich Sah Ich Wachsen

Er schaute sie noch immer gerne an. Für John war sie das Symbol dafür geworden, dass alles gut werden kann, wenn man bereit ist, sich den umgebenden Herausforderungen zu stellen. Gemeinsam hatten sie viel durchgemacht. Und auch, wenn er den Glauben an sich oft verloren hatte, an sie hatte er immer geglaubt.

Im Alter von 6 Jahren, John wohnte mit seiner Mutter in der Torstraße in Berlin – ehemals Wilhelm-Piek-Straße – , wurde John die Aufgabe zu teil, Yasmin zu beschützen. Er weiß es noch wie gestern. Es war ein feierliches Ritual. Alle ihm zu Ehren erschienenen Gäste feierten den Tag seiner Einschulung. Es gab viele Geschenke, von denen er die meisten mit den Jahren weggeschmissen und vergessen hatte. Kaum zu glauben, dass sie auch ein Geschenk war. Er wusste nicht mehr genau, von wem er sie bekam. Allerdings wusste er noch genau, wie sehr sie ihm gefallen hatte und wie sehr er sich über sie freute. Sie war lebendig und wunderschön.

Doch wie das so ist mit neuen Dingen: John verlor ziemlich schnell das Interesse an ihr. Und bald war sie halt nur noch da. In dieser Zeit kümmerte sich seine Mutter um sie. Die Zeit verging und hin und wieder blickte John Yasmin an. Er respektierte, wie sie sich stetig weiterentwickelte. Sie erwartete nicht viel von anderen und war dabei selbst sehr leistungsorientiert.

Als John 18 wurde, zog er aus. Er nahm Yasmin mit. Seine erste eigene Wohnung war in einem Hinterhof, sehr nahe am Mauerpark, in der Korsörer Straße. Sie war ziemlich düster und obwohl sie relativ weit oben war, schien nie die Sonne herein. Das gefiel Yasmin nicht. Oft war John traurig und er wusste nicht, was aus ihm werden sollte. In dieser Zeit ließ er sich gehen. Oder: er wurde gehen gelassen. Man hatte ihn einberufen und so machte er den Grundwehrdienst. Er mochte Gewalt nicht. Es wäre ein leichtes für ihn gewesen, sich davor zu drücken. Doch er ließ es über sich ergehen. Danach wurde ihm vom Jobcenter eine Ausbildung aufs Auge gedrückt. Auch diese Jahre hatte er erfolgreich absolviert. Aber halt nur weil man ihn dazu drängte und mit Sanktionen drohte. Es geschah wenig aus ihm heraus.

Auch Yasmin fiel dieser Antriebslosigkeit zum Opfer. Er kümmerte sich zu wenig um sie. Um so erstaunter stellte er gelegentlich fest, dass sie nicht aufgab. Sie war sehr bescheiden. Doch auch die wenigen Bedürfnisse die sie von ihm zu befriedigen wünschte, konnte er nicht bedienen. Und dennoch: Sie machte weiter.

Im Alter von 23 Jahren zog John mit einem Mädchen zusammen in die Binzstraße in Pankow. Ihr Name war Nina und sie war sehr liebevoll. Sie behandelte John trotz seiner oftmals selbstzerstörerischen Art sehr gut und war nachsichtig mit ihm. Ich denke, Nina glaubte an John, wie John an Yasmin.

Die Jahre in der Hinterhofwohnung hatten ihre Spuren an Yasmin hinterlassen. Ihr Hals war lang und dünn und konnte den schmalen kleinen Kopf kaum halten. Die neue Wohnung hatte einen Balkon im vierten Stock – Südseite. Das bedeute es war die meiste Zeit des Tages schön sonnig und sehr windig. John konnte Yasmin nicht mehr leiden sehen. So entschied er sich kurzerhand, ihr den Kopf abzuschneiden.

Nach einigen Wochen in einem Wasserglas bildete Yasmins abgetrennter Kopf kleine Wurzeln am unteren Ende, mit denen sie zu verstehen gab, dass sie wieder eingepflanzt werden möchte. John tat, wie sie verlangte und stellte sie dann auf den Balkon. Sie entwickelte sich hervorragend und John liebte sie dafür. Der ehemals kleine Kopf bildete einen kräftigen Hals aus, der nach kurzer Zeit zu einem ansehnlichen Stamm reifte. Nach all den Jahren des Leides war sie dennoch im Stande im richtigen Moment alles zu geben was geht. Er schaute täglich nach ihr und ob sie alles hatte, was sie brauchte.

Zu Yasmins Bedauern trennten sich Nina und John bald. Die Zeit in Pankow hatte ihr sehr gut getan und es war ungewiss wohin es sie beide nun ziehen würde. Nach ein paar Monaten bei einem von Johns Kumpels zogen sie gemeinsam in eine Wohnung in der Berliner Allee, direkt am Antonplatz. Es war eine schöne Wohnung mit einem amerikanischen Wohnzimmer. Allerdings schien hier wieder keine Sonne rein und es gab keinen Balkon. Dafür war die Wohnung hell. Yasmin hatte sich wieder zu einer kleinen Schönheit entwickelt. Sie hatte einen kräftigen Stamm und einen schönen Kopf mit vielen Blättern. John gab ihr regelmäßig Wasser und setzte sich oft zu ihr. Sie kannten sich mittlerweile seit 20 Jahren und John war sich ihrer Bedeutung für sein Leben bewusst. Er hätte auf alles in diesem Haus verzichten können. Aber nicht auf sie. Zu dieser Zeit ging es ihm wesentlich besser als mit 18 und sie war die einzige Zeugin seiner gesamten Entwicklung. Nüchtern betrachtet stellte sich die Frage, wer hier wem beim wachsen zu sah. Er ihr? Oder sie ihm? Oder, oder sie sich.

Für John sollten jedoch negative Entwicklungen folgen, die Yasmins Entwicklung später postiv beeinflussen würden.

John war den Arbeitsalltag leid und so entschied er sich zu kündigen. Er hatte keine Ahnung, was er machen sollte. Er hatte ein bisschen Geld gespart, um die nächsten Monate durch zu kommen. Er wollte nicht wieder zum Arbeitsamt. Es bot sich ihm ein Möglichkeit, auf Rechnung Geld zu verdienen. Das heißt er konnte sich seine Zeit selbst einteilen und wenn er mal keine Lust hatte zu arbeiten, nahm er den Job halt nicht an. Mit der Zeit musste er jedoch feststellen, dass sein Erspartes immer weniger wurde und die monatlichen Einnahmen oft nicht reichten, um seine Ausgaben zu decken. Es kam wie es kommen musste. Zuerst konnte er die Krankenversicherung nicht mehr bezahlen, dann die Miete. Die fristlose Kündigung seitens des Vermieters, zu dem von Anfang an kein gutes Verhältnis bestand, ließ nicht lange auf sich warten, nachdem John die Mietzahlungen ausetzen musste. John und Yasmin zogen zu Johns Oma nach Mahlsdorf. Johns Oma wohnte in einer Doppelhaushälfte mit einem Garten. Das war das Paradies für Yasmin. Hier stand sie nun im kommendem Jahr vom Frühling bis zum Herbst und konnte wachsen und wachsen. John betrachtete sie oft andächtig und fragte sich gelegentlich, wie aus diesem kleinen Pflänzchen, mit dem dünnen, schmalen Hals nur so ein schöner Baum werden konnte.

John ging wieder einer geregelten Arbeit nach und arrangierte sich mit dem Alltag. Er hatte nun schmerzhaft am eigenen Leib erfahren, was passierte, wenn er von jetzt auf gleich und ohne Plan versuchte auszubrechen. Eines Tages kam er nach der Arbeit nach Hause, ging in den Garten, wo er sich voller Hingabe Yasmin widmete. Zu seinem entsetzen stellte er fest, dass sie eine Wunde hatte. Diese Wunde war beinahe lebensbedrohlich. Jemand hatte ihr ein leicht trockenes Blatt abgerissen. Der Riss war so tief, dass die Stabilität des Kopfes gefährdet war. John war außer sich und stellte seine Oma zur Rede. Diese meinte, man müsse die trockenen Blätter eben entfernen. Sie gab ihm den Tipp Yasmin zu köpfen und den Kopf einfach neu einzupflanzen. Yasmin köpfen… päh. Damit würde er mal eben 4 Jahre Pflege zu Nichte machen. Und das nur, weil er mal kurz nicht aufgepasst hatte. Die Oma hatte Recht. Man konnte und sollte die trockenen Blätter entfernen. Allerdings musste man diese abschneiden, sodass man der Pflanze keinen Schaden zufügte. Die Wunde heilte langsam und wurde zu einer Narbe. Yasmin kam drüber hinweg, ohne dass sie erneut geköpft wurde. Nach ein paar Monaten war die Stelle, die einmal eine Wunde war, sogar noch härter, als der Rest des Stammes.

John bezahlte alle seine Schulden und nahm sich bald wieder eine eigene kleine Wohnung. Er achtete darauf, dass sie günstig war, damit er nicht mehr so viel arbeiten musste. Was aber wichtiger für ihn war, sie musste einen Balkon haben. Der Garten der Oma hatte ihn wieder in Erinnerung gerufen, wie wohl sich Yasmin im Freien fühlte, wenn es warm war.

Die Jahre vergingen und Yasmin bekam hin und wieder einen größeren Topf. Wenn es kalt wurde nahm er sie rein und wenn es warm wurde, stellte er sie raus. Eines Tages stellte John fest, dass sie größer geworden war, als er. Und er dachte bei sich, wie schön, dass sie noch bei ihm war und nie aufgegeben hatte.