Der Totengräber

Autor: Sebastian Dobitsch
Webseite: www.sebastiandobitsch.de

„Musste es denn so enden?“, dachte sich Yuri bekümmert und stieß den Spaten ins feuchte Erdreich. „Hätte es denn keine andere Möglichkeit gegeben?“ Vermutlich schon, doch die Realität war gegenüber jedes Wunsches erhaben. Das Schicksal hatte ihn mit seiner trüben Hinterlist an diesen Ort geführt, einen Punkt, von dem es kein Entkommen mehr gab.

Tiefe Nacht lag über dem finsteren Waldfriedhof, nur eine Petroleumlampe warf ihren unbeständigen Schein. Jedes Mal wenn Yuri den Spaten in das aufgewühlte Erdreich grub verzerrte sich sein Schatten bis zur Unkenntlichkeit. Ein alter Mann hatte Yuri einmal gesagt, dass die Schatten die wahre Identität eines Menschen preisgeben. Er selbst konnte nur hoffen, dass es nicht der Wahrheit entsprach, ansonsten hieße es, dass er ein grässliches Monster sei.

„Bist du das denn nicht auch?“, tönte eine Stimme in seinem Inneren, der Yuri nicht lauschen wollte. „Sieh nur, was du getan hast!“ Widerwillig drehte er den Kopf und betrachtete den dort liegenden Leichnam. „Dieses Herz hat einmal geschlagen Yuri!“, hörte er den vorwurfsvollen Klang der Stimme und er wandte schnell den Blick ab.

„Ich will das nicht sehen“, hauchte er erschöpft, doch ließ ihn das tückische Flüstern in seinem Kopf nicht allein.

„Du kannst es nicht ignorieren. Du weißt, dass du schuld bist. Dein Zorn hat dich zum Totengräber gemacht.“

„Nein!“, schrie Yuri heftig und warf die Schaufel in den feuchten Morast. „Es war doch keine Absicht!“ Eine Weile kehrte Stille ein, nur das Prasseln des Regens war zu hören.

„Und dennoch ist er tot.“ Schluchzend ging Yuri in die Knie, die Hände gegen das Gesicht gepresst.

„Mörder!“, hallte es in seinen Ohren. Panisch versuchte er die Worte zu verdrängen, doch wisperten sie aus dem Tiefsten seines Inneren selbst. Dass es so kam hatte er nie gewollt und doch klebte nun Blut an seinen Händen. Mit bitteren Tränen hob er die schmutzstarrende Schaufel wieder auf und führte sein trauriges Werk fort.

„Grabe tief Yuri. So tief du kannst, doch deine Schuld lässt sich nicht begraben.“

„Halt deinen Mund!“, brüllte er in verzweifeltem Ton. Nichts konnte das bösartige Flüstern zum Schweigen bringen.

„Hast du ihn dir schon einmal angesehen? Die Leere in seinen Augen betrachtet?“ Schluchzend wandte Yuri den Kopf und musterte den reglosen Leichnam, der verkrümmt auf der feuchten Erde lag. Der Tote war in ein Tuch gewickelt, das durch den heftigen Regen bereits von seiner blassen Haut gerutscht war. Yuri kniete sich auf den Boden und wickelte den Leichnam behutsam wieder ein. „Glaubst du wirklich, dass er noch friert? Fass seine Haut an! Fühl wie kalt und leblos sie ist!“ Kopfschüttelnd verdrängte Yuri die anprangernde Stimme und blickte dem Toten ins Gesicht. Es war, als sehe er in einen trüben Spiegel. Er selbst schien in diesem Tuch zu liegen, die Haut blass und von tiefblauen Adern durchzogen.

„Mein Bruder“, keuchte er unsicher und strich eine wilde Haarsträhne von seiner Stirn. Er hatte seinen eigenen Zwillingsbruder ermordet, wie konnte er sich das nur verzeihen? Ein heftiges Schluchzen beutelte seinen Körper, doch flossen keine Tränen mehr über seine Wangen.

„Verzeih mir!“, klagte er bittend und presste den Leichnam gegen seine Brust. Obwohl er wusste, dass sein Bruder tot war, erschrak er über die Kälte, die der einst so lebendige Körper ausstrahlte.

„Denkst du wirklich, er verzeiht dir? Dein Zorn hat ihn niedergestreckt und nun wirfst du ihn in ein Loch, damit er verrotten kann. Soll er dir wirklich verzeihen?“ Mit einem verzweifelten Seufzer löste Yuri die Umklammerung. Das war zu viel für ihn. Die Schuld lastete erdrückend schwer auf seinen Schultern und die ewig murmelnden Stimmen brachten ihn gar um den Verstand. Hastig drehte er sich um und begann zu laufen. Er wollte nur noch fort von diesem Ort, seine Untaten hinter sich zurücklassen. Er hatte kaum ein paar Meter hinter sich gebracht, als eine Stimme nach ihm rief.

„Yuri warte!“ Wie angewurzelt blieb er stehen. „Warum lässt du mich zurück?“ Diese Stimme war Yuri so vertraut und doch jagte es ihm einen eisigen Schauer über den Rücken sie an diesem Ort zu hören. Unsicher drehte er sich um, ehe das Blut in seinen Adern gefror. Mit Schrecken stellte er fest, dass sich der Leichnam aufgesetzt hatte und ihn mit vorwurfsvollem Blick ansah.

„Nein, das kann nicht sein, du bist tot! Das ist alles nicht real!“
„Vielleicht. Mein Tod ist aber real. Flieh ruhig vor deiner Verantwortung, doch Frieden wirst du niemals finden!“

„Ich lasse dich nicht zurück. Bitte, es tut mir leid!“ Mit flehenden Händen trat Yuri näher, doch konnte er keine Gnade in den toten Augen seines Bruders erkennen.

„Du hast mich getötet. Deinen eigenen Bruder. Warum warst du nur so voller Zorn?“

„Ich weiß es nicht!“, klagte Yuri schuldbewusst und verbarg sein Gesicht. „Bitte, hasse mich nicht!“ Stille kehrte ein und er wagte es kaum seine geschlossenen Augen zu öffnen. Vorsichtig blickte er zwischen den Fingern hindurch. Dort lag der Leichnam seines Bruders wieder so reglos wie zuvor.

„Es wird Zeit es zu beenden!“, murmelte Yuri voller Scham und packte den Leichnam an den Füßen. „Ich hoffe, du kannst mir eines Tages verzeihen.“ Er zog seinen Bruder in das tiefe Loch. Ein dumpfer Schlag erklang und der Körper traf auf dem Boden auf.

„Ist das alles?“, meldete sich wieder das scharfe Wispern in seinem Kopf. „So willst du deine Sünde wieder gut machen? Eine kurze Ansprache und danach überlässt du deinen Bruder den Aasfressern im Erdreich?“ Ein Tiefes Schluchzen ergriff Yuris Körper, bevor er sich schlagartig aufbäumte.

„Nein. Das wird meine letzte Sünde sein. Ich muss eine Schuld zurückzahlen! Dieses Loch war nie für nur einen Menschen gedacht!“ Mit ruhiger Bewegung zog Yuri einen alten Revolver aus der Jacke und steckte sich das metallene Ende in den Mund.

„Verzeih mir Bruder!“

Ein Schuss erklang im dunklen Wald. Vögel flogen aufgeschreckt durch die Luft und ein erschlaffter Körper fiel in sein selbstgeschaufeltes Grab.

Stille kehrte ein und jegliches Wispern war verklungen.