Der Pianist – Wenn Das Herz Polka Tanzt

Autor: Katja Frühauf
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Vorwort

Es war ihr fünfter Jahrestag und Alexander hatte Karten für ein Klavierkonzert gekauft, weil er wusste, dass dies Karens Lieblingsmusik war. Er wusste so vieles über sie. Er kannte sie so gut. Er war der perfekte Mann für sie. Immer freundlich, hilfsbereit und zuvorkommend. Er brachte sie zum Lachen und war ihre Schulter zum Anlehnen.

Vorher waren sie bereits in einem edlen Fischrestaurant zum Abendessen und ein kühler Weißwein rundete das Dinner in entspannter Atmosphäre ab. Er lächelte ihr ins Gesicht und streichelte ihre Hand.
Die letzten fünf gemeinsamen Jahre waren geprägt von Liebe und Zärtlichkeit. Trotz einiger Streits hatten sie sich immer wieder vertragen und auch nachdem sie zusammen in eine Wohnung gezogen waren, konnten die Routine und der Alltagsstress zweier Vollzeit arbeitenden Menschen diese nicht auseinander bringen. Sie waren wie Yin und Yang, wie Sommer und Winter, wie Tag und Nacht, zwei Pole, die sich gegenseitig anzogen und nie ohne einander sein konnten.

Sie saßen gespannt wartend in den Stuhlreihen des Konzertsaals. Alexander hielt Karens Hand ununterbrochen in seiner und strich mit dem Daumen über ihren Handrücken. An diesem Abend sah sie besonders schön aus in ihrem schwarzen Kleid und mit hochgesteckten Haaren, auffälligen Ohrringen und einem wunderschön geschminkten Gesicht. Sie wirkte selbstbewusst und elegant, gleichzeitig verführerisch und traumhaft schön. Das war es, was er an ihr bewunderte. Sie sah in eleganten Kleidern genauso wunderbar aus wie ungeschminkt in ihrem ausgeleierten Schlafshirt.

Das Licht verdunkelte sich und die Scheinwerfer leuchteten auf das Podium, welches ein hochgewachsener, schlanker Mann mit dunklen, kurzen Haaren betrat. Er trug einen dunkelblauen Anzug und verbeugte sich vor dem Publikum, bevor er am Flügel Platz nahm.
Dann griff er in die Tasten, die ersten Töne erfüllten den Raum und Karen hatte alles um sich herum vergessen. Gespannt beobachtete sie jede Bewegung des Pianisten. Seine Finger waren so grazil und schön, in einem Moment streichelten sie die Tasten, in einem anderen schlugen sie förmlich darauf ein. Karen fühlte die Musik, die Gefühle und die Töne klangen in ihr, wie als würden die Saiten in ihr selbst vibrieren. Diese Musik füllte sie voll aus, machte sie glücklich und ließ sie für ein paar Minuten aus dem Alltagstrott austreten. Sie vergaß sogar Alexanders Anwesenheit neben sich, es gab nur sie und die Musik. Die Musik und den Pianisten. Sein Gesicht war eben und seine Augen von so hellem Blau, dass sie mit dem Himmel konkurrieren könnten.

Er war so konzentriert, dass er die Blicke der Zuschauer völlig ignorierte.

Karen verfolgte seine Bewegungen und fühlte mit dem Klavier mit. Der Zauber, den alle Pianisten auf sie hatten, war erneut entfesselt. Sie war wieder die Karen, die sich ganz in der Musik verlor, die alles vergaß und sich nur auf den Pianisten fokussierte.

Karen konzentrierte sich so sehr auf den Mann am Flügel, dass sie fast erschrak, als dieser sein Konzert mit dem letzten Ton beendete. Die Zuschauer erhoben sich zum Beifall und nach der Vorstellung spazierte sie mit Alexander Hand in Hand in die laue Sommernacht. Er schien von ihrer Extase nichts mitbekommen zu haben, sie spazierten durch die nächtlichen Gassen und kamen irgendwann vor ihrer gemeinsamen Wohnung an.

Während sie sich auszogen und wuschen, sich nebeneinander die Zähne putzten, so wie oft in den letzten zwei Jahren, ging Karen den ganzen Abend gedanklich noch einmal durch. Es war ein wunderbarer Abend gewesen. Alexander hatte sich wieder selbst übertroffen. Doch der erhoffte Heiratsantrag war wieder nicht dabei gewesen. Dabei war sich Karen so sicher, dass Alexander der Richtige war. Sie kannten sich schon so lange und hatte allerhand zusammen durchgemacht.

Sie legten sich nebeneinander in ihr Bett, den Anblick des Anderen ohne Bekleidung waren sie schon gewöhnt, sodass sie nicht mehr übereinander herfielen. Sie legten sich unter die Decke, Karen kuschelte sich an Alexander und sie wünschten sich eine gute Nacht. Nachdem er sie auf die Stirn geküsst hatte, drehte er sich auf die andere Seite und schlief schnell ein.
Karen konnte noch nicht gleich einschlafen, sie war noch aufgewühlt von dem Konzert. Ihre Gedanken drifteten zu dem Pianisten ab, der es geschafft hatte, ihr Blut seit Langem wieder einmal richtig in Wallung zu bringen, mit bloßer Musik …

Kapitel 1 – Nur geträumt

Der Klavierspieler saß nur wenige Meter von ihr entfernt. Er berührte die Tasten und spielte eine unhörbare Melodie, die ihren Weg direkt in ihr Herz fand. Sie stand wie gelähmt da, während ihr Herz pochte und sie ihn gebannt beobachtete. Seine Finger sahen weich aus und seine Augen mit den langen Wimpern waren halb geschlossen, das Gesicht vor Konzentration angespannt, aber nicht verbissen. Er sah aus wie ein Engel und er fesselte sie mit sanften Tönen, die nur ihr Herz erhörte. Sie wollte wie die Tasten sein, seine Berührungen spüren und ihm ins Gesicht schauen, jedes Detail in sich festhalten. Doch je näher sie an ihn heran lief, so kam es ihr vor, als ob er sich mehr von ihr entfernte. Die Musik wurde lauter, drängender, fast schon unausstehlich, während seine Umrisse immer weiter verschwanden …

Karen schreckte aus dem Schlaf auf. Der Wecker schrillte und Alexander wälzte sich neben ihr auf die andere Seite.

Es war sieben Uhr, höchste Zeit aufzustehen, doch an diesem Morgen blieb Karen verwirrt liegen, unfähig, sofort das Bett zu verlassen.

Alexander robbte an sie heran und nahm sie in den Arm, während er ihr ein verschlafenes „Guten Morgen“ ins Ohr raunte. Er war so niedlich, wenn er früh aufwachte und seine goldbraunen Haare nach allen Seiten von seinem Kopf abstanden. Karen kuschelte sich an seine breiten Schultern und wunderte sich, dass ihr der Pianist nicht mehr aus dem Kopf ging.

Sie hatte schon lange eine Vorliebe für Männer gehabt, die Klavier spielten. Es löste in ihr eine Welle der Emotionen aus und augenblicklich fühlte sie sich zu diesen Männern hingezogen. Seit sie mit Alex zusammen war, hatte sie auch kein Konzert eines Pianisten mehr besucht und dachte, diese Neigung bereits vergessen und abgeschaltet zu haben. Doch der Pianist verfolgte sie bis in ihre Träume, brachte sie durcheinander und verzauberte sie aufs Neue.

Andererseits hatte sie bei Alexander alles, was sie sich je gewünscht hatte. Sie konnten miteinander lachen und weinen, über ernste und interessante Dinge reden und immer wieder unternahmen sie kleine Ausflüge, lasen zusammen Bücher oder machten gemeinsam Sport. Auch er konnte sich für Musik begeistern. Während Karen fast ununterbrochen sang, sie bereute es, ihre Gesangsausbildung aus Zeitgründen aufgegeben zu haben, spielten sie beide Gitarre und er zeitweilen auch Geige. Doch seine Zärtlichkeit und Aufmerksamkeit konnten nicht verhindern, dass ihr noch immer ein kalter Schauer über den Rücken lief, wenn er zur Geige griff und den Bogen über die Saiten leierte. Sie musste sich jedes Mal anstrengen, nicht aus dem Raum zu rennen, das Geräusch dieses Instruments war ihr alles Andere als angenehm. Wieso, das konnte sie niemandem erklären.

Alex war fürsorglich und kümmerte sich gut um sie. Einmal im Jahr fuhren sie gemeinsam in den Urlaub und erkundeten neue Orte. Dabei waren sie oft sparsam, übernachteten im Zelt, anstatt in einem schönen Hotel. Sie hatte sich insgeheim gewünscht, dass er sie auch einmal richtig verwöhnen würde.

Da Karen noch immer keinen klaren Gedanken fassen konnte, stand diesmal Alex als Erster auf und schlurfte in die Küche. Auch Karen folgte ihm nach einer Weile, sie hatte sich über ihren Schlafanzug einen Morgenmantel angezogen. Eine große Tasse Kaffee erwartete sie dampfend auf dem Tisch, während Alex ihr ein Marmeladenbrot schmierte. Er musste erst später zur Arbeit als sie und an diesem Morgen genoss sie es, wie er sich um sie kümmerte. Das hatte er lange nicht mehr gemacht. Oft stand sie allein auf und frühstückte, bevor er überhaupt aus den Federn gekrochen kam, sodass sie ihn oftmals verabschiedete, wenn er das Schlafzimmer verließ.

Gemeinsam saßen sie auf den neuen Küchenstühlen, die sie sich vor einem Jahr hatten schenken lassen, es waren ergonomisch geformte, auf denen man ein wenig schaukelte. Während sie dankbar in das Marmeladenbrot biss, schaute er sie aufmerksam an, in der Hand einen großen Teepott, da er keinen Kaffee trank.

„Liebling, du siehst heute etwas durch den Wind aus.“, stellte er mit besorgtem Blick fest.

„Ach, ich habe nur komische Dinge geträumt. Ist nicht weiter schlimm. Mach dir keine Sorgen, es ist alles in Ordnung.“

Beruhigt widmete er sich seinem frisch aufgebrühten Heißgetränk und als sie fertig gefrühstückt hatte, suchte sich Karen ihre Sachen für die Arbeit heraus, eine hellblaue Bluse und einen Bleistiftrock, dazu ein Paar Ballerinas. Sie trug nicht so oft Absatzschuhe, da Alex ein Stückchen kleiner war als sie und es ihr nicht gefiel, wenn sie ihn noch weiter überragte.

Sie ging ins Bad, das Anziehen war bereits Routine, und putzte sich die Zähne. Alexander lehnte im Türrahmen und beobachtete sie, noch immer ein wenig schlaftrunken. Nachdem sie ein leichtes Make-Up aufgelegt hatte und ein Spritzer Parfüm die tägliche Routine abrundete, drückte sie Alexander einen leichten Kuss auf die Wange und verabschiedete sich. Die Tasche stand schon im Hausflur, abmarschbereit neben der Wohnungstür. Sie wünschten sich gegenseitig einen erfolgreichen Tag und Alex drückte ihr einen Kuss auf die Stirn, wie jeden Morgen. Als sie die Wohnung bereits verlassen hatte und der Fahrstuhl sich mit einem Klingeln öffnete, rief er ihr noch zum Abschied hinterher: „Ich habe dich lieb.“

„Ich dich auch.“ Dann schlossen sich die Türen und Karen fuhr nach unten. Auf dem Weg zur Straßenbahnhaltestelle fiel ihr ein, dass sie am Nachmittag allein im Büro war. Wenn nicht zu viele Aufgaben anstehen, dann könnte sie noch einmal nach dem geheimnisvollen Klavierspieler suchen. Bestimmt konnte das Internet in dieser Situation einige nützliche Informationen liefern. Karen redete sich ein, dass sie weniger an ihn denken würde, wenn sie mehr über ihn herausfand und ihre Neugier damit beruhigte.

Mit zielstrebigem Schritt lief sie zur Haltestelle. Sie würde die Identität des Pianisten ausfindig machen …

Kapitel 2 – Die immer lacht

Karen stieg in die Straßenbahn, die weißen Kopfhörer ins Handy eingestöpselt. Die nächsten fünfundzwanzig Minuten gehörten nur ihr, der Musik aus ihrer Bibliothek und der vorbei rauschenden Landschaft der Stadt. Prag war schon immer wie ihr Zuhause gewesen. Vor zehn Jahren hatte sie sich ihren Traum erfüllt und war in die Stadt gezogen. Nun teilte sie sich eine Wohnung mit Alexander etwas außerhalb, in der Nähe der Filmstudios von Barrandov.

Karen fühlte sich in dieser Stadt wohl, die Stadt lebte, sie fühlte sich weniger eingeengt und offener behandelt. An der Abendschule lernte sie regelmäßig tschechisch, sodass sie mittlerweile diese Sprache gut beherrschte. Doch auch bevor sie damit angefangen hatte, konnte sie sich mit Händen und Füßen irgendwie verständigen. Vor sieben Jahren, drei Jahre, nachdem sie sich ihre erste Wohnung mietete, entschied sie sich für den ersten Kurs, bei welchem sie auch Alexander kennenlernte. Aus der flüchtigen Bekanntschaft entwickelte sich eine Freundschaft, vor fünf Jahren gestand er ihr, dass er sich in sie verliebt hatte.

Wie immer um diese Uhrzeit war die Straßenbahn recht voll, sodass sie sich in den Gang stellte, sich an der Haltestange über ihrem Kopf festhielt und aus dem Fenster schaute. In ihrem Kopf hallte ihr eigenes kleines Konzert, Alexander hatte ihr neue Kopfhörer vor einem Jahr geschenkt, die einen Klang erzeugten als würde die Musik direkt im Kopf spielen.

Sie fuhren den Hang von Barrandov in Richtung Innenstadt herunter und ihr Blick schweifte über das Tal, wie die Moldau ruhig floss und auf der anderen Seite, dort wo sich die Altstadt befand, konnte sie schon die Ruderinsel und das Schwimmbad von Podolí entdecken. In ihren ersten Jahren ging sie dort oft schwimmen und anschließend in die Dampfkammer, auf dem Rückweg mit der Fähre über die Moldau stand sie auf der Ruderinsel und beobachtete die Boote. Als Karen klein war, ruderte sie selbst mit sehr guten Ergebnissen, später musste sie dieses Hobby aufgeben, da ihre Noten unter dem Leistungssport litten.

Vor drei Jahren entschied sie sich dann in einen der zahlreichen Ruderclubs einzutreten und zog nun selbst wieder zweimal in der Woche ihre Bahnen über die Moldau. Eigentlich unterschied es sich nicht vom Rudern auf der Elbe, wie sie es früher gewohnt war. Wahrscheinlich heißt es deshalb „Elberudern macht hart.“. Bei dieser Erinnerung musste Karen unwillkürlich lächeln.

Früh ließ sie ihre Gedanken schweifen und es kam auch schon vor, dass sie es verpasste auszusteigen, doch in den letzten Monaten passierte ihr dies nicht mehr.

Nach fünfundzwanzig Minuten Entspannung stieg sie aus der Bahn aus und steuerte auf ihren Arbeitsplatz zu: Ein Reisebüro auf der Kleinseite, unweit vom Nikolausdom. Ihre Chefin und langjährige Austauschpartnerin von der Abendschule hatte sie, nachdem sie ihr Sprachzertifikat auf B2-Basis erreicht hatte, eingestellt. Karen mochte diese Arbeit. Sie konnte ihre Fantasie in neue Urlaubsangebote einfließen lassen und wenn sie Kunden zufriedenstellen konnte, dann war auch sie zufrieden.

Lenka war bereits im Büro, die Kaffeemaschine brühte schon die erste Tasse auf. Die beiden Frauen begrüßten sich und gingen die Aufgaben für den Tag durch.

Karen sollte ein neues Programm für ausländische Studenten erarbeiten, wie sie ins Prager Stadtleben eingeführt werden sollten. Außerdem mussten die Kataloge aussortiert und die neu gelieferten in die Regale geordnet werden.

Im Sommer war nicht so großer Kundenbetrieb, erst gegen Ende August würden wieder etwas mehr Leute den Weg in das Reisebüro finden, wenn es um Winterurlaube oder den nächsten Sommerurlaub ging. Doch bis August waren noch zwei Monate Zeit.

Karen schaute aus der verglasten Fensterfront und fuhr den Computer hoch. Sie wollte so viel wie möglich schon bis zum Mittag schaffen. Danach würde sie Lenka ihr Ergebnisse präsentieren und ihre Chefin würde dann zu einer Messe fahren und die Firma präsentieren. Dann hatte sie Ladendienst. Alleine.

Ein Bild von Lanzarote begrüßte sie, als sie ihr Kennwort bestätigte. Den Terminkalender musste sie auch mal wieder aktualisieren, es häuften sich Zettel mit anstehenden Terminen auf ihrem Schreibtisch. Manchmal war sie eben auch wie die Sekretärin ihrer Chefin, da diese es nicht schaffte, an alles zu denken, zumal sie noch auf viele Messen fuhr und neue Geschäftspartner anwarb. Bald würde Karen sie damit unterstützen, wenn sie ihre nächste Fremdsprachenprüfung abgelegt hatte. Denn erst dann war sie offiziell wie eine Muttersprachlerin und Lenka wollte eine Bloßstellung in einem Gespräch mit möglichen Partnern vermeiden und auf Nummer sicher gehen. Sie wollte nur das Beste für Karen und gab ihr sogar einen Zuschuss, falls sie die Prüfung bestehen sollte.

Karen suchte aus dem Register alle registrierten Kataloge, die bereits abgelaufen waren und räumte sie aus den Regalen. Das wurde wieder eine große Fuhre Altpapier. Ein kleiner Zuschuss in die Trinkgeldkasse, die sie einmal im Jahr zusammen ausleerten.

Danach suchte sie die Kartons mit den neuen Katalogen aus dem Lager und registrierte diese, während Lenka die wenigen eintretenden Kunden bediente. Als wieder einmal zufriedene Kunden den Laden verließen, erkundigte sich Lenka: „Und, wie war dein Abend gestern? Hat er dich endlich gefragt?“

„Frag bloß nicht.“, gab Karen zur Antwort, währen sie weiter die Regale einräumte. „Er hat mich natürlich nicht gefragt.“

„Wieso denn das nicht? Ihr seid immerhin schon seit fünf Jahren zusammen!“

„Das wüsste ich auch gern, aber ich werde ihn nicht drängeln. Trotz allem hat er sich ein so schönes Programm ausgedacht.“

„Erzähl!“, forderte ihre Chefin sie auf endlich die Katze aus dem Sack zu lassen.

„Wir waren in einem dieser neuen teuren Fischrestaurants und es war bombastisch. Weißer Wein und ein stilvoll eingerichtetes Lokal mit schicken Kellnern und schneller Bedienung. Danach waren wir im Karolinum zu einem Klavierkonzert, es war einfach herrlich!“, Karen kam aus dem Schwärmen nicht mehr heraus und auch Lenka war Karens Vorliebe für Klaviermusik nicht neu. Nachdem sie alles genau analysiert hatten, kümmerte sich jede wieder um ihre Angelegenheiten. Gegen zehn Uhr beendete Karen ihre Einräumaktion mit einem erschöpften Seufzer, sie musste immer wieder die Regale auswischen, vor allem die obersten Reihen waren komplett verstaubt.

Nach der Mittagspause, sie ließen sich Essen aus einer Kantine ins Büro liefern, verabschiedete sich Lenka von ihrer Freundin und übergab ihr die noch zu erledigenden Aufgaben. Karen machte sich voller Eifer ans Werk.

Nach drei Stunden war sie auch damit fertig. Zwischendurch wurde sie von einigen wenigen Kunden unterbrochen, doch sie durfte ihre Ungeduld nicht zeigen. Sie war die Ansprechpartnerin für alle, die sich informieren oder eine Reise buchen wollten, sie war die, die immer freundlich war und allen Kunden ein Lächeln schenkte und ihre Wünsche anhörte und umsetzte.

Eine Stunde vor Ladenschluss hatte sie endlich Zeit sich mit dem ominösen Klavierspieler zu befassen. Sie öffnete erst die Seite der Veranstaltung vom Vorabend und erfuhr seinen Namen: Roman Klingenbaum. Das war er also!

Sie suchte alle möglichen Seiten nach diesem Mann ab, fand jedoch nur wenige Einräge, meist waren es andere Konzertveranstaltungen, doch nie waren persönliche Informationen zu finden. Sorgsam notierte sie sich alles, was sie über diesen Mann fand, das war nicht viel. Wie konnte es sein, dass ein Musiker keine Informationen im Internet preisgab? Es war für Karen fast unvorstellbar. Doch damit war ihr Ehrgeiz geweckt, denn mit solch wenigen Informationen würde sie sich nicht zufrieden geben.

Nach dem Feierabend schloss sie alle Räume sorgfältig ab und verstaute den Zettel in ihrer persönlichen Schublade, die sie vorsorglich abschloss. Nachdem auch die Ladentür verriegelt war, lief sie zurück zur Haltestelle. Die Luft war warm und kündigte die heißen Sommertage an. Es tummelten sich schon relativ viele Touristen auf der Karlsbrücke, doch noch war keine Hochsaison. Nach wenigen Minuten kam die Bahn. Karen genoss es, dass sie nie lange auf einen Anschluss warten musste und selbst in der Nacht schnell und zuverlässig aus der Stadt nach Hause kam. Ein weiterer Vorteil gegenüber der Kleinstadt in Mitteldeutschland, wo sie mit dem Bus nur bis zehn Uhr zurück kam.

Karen stieg zwei Stationen eher aus und ging schnell noch zu einem der vielen Supermärkte. Von dort bis zu ihrer Wohnung war es nicht weit, deshalb musste sie die schweren Tüten nicht so lang schleppen.

Sie öffnete die Tür und sah bereits Alexander, wie er das Abendbrot vorbereitete. Er stellte den kleinen Tisch aus der Stube auf den Balkon und deckte ihn ein, während Karen ihr Kostüm gegen bequeme Jogginghosen tauschte. Auch wenn sie gern solche Kostüme trug, gegen ein Paar gemütliche Hosen hatte sie nichts einzuwenden und gesellte sich zu Alex auf den kleinen Balkon, von wo sie einen Blick auf die Siedlung hatten. So konnte ein gemütlicher Feierabend beginnen …

Kapitel 3 – Abendstille überall

Nach dem Abendbrot blieben Karen und Alexander noch eine Weile auf dem Balkon sitzen und beobachteten das Farbenspiel der untergehenden Sonne. Als die letzten Strahlen schwächer wurden, räumten sie gemeinsam ab, Alexander wusch das Geschirr ab und Karen räumte es nach dem Abtrocknen ein. Verteilte Rollen, wie in vielen Aspekten ihres Zusammenlebens.

Nebenbei unterhielten sie sich darüber, wie ihr Tag verlaufen war. Das Detail über die Nachforschungen und den Namen des Pianisten verschwieg ihm Karen lieber.

Alexander arbeitete in einer IT-Firma und konnte teilweise seine Aufgaben von Zuhause aus erledigen. Manchmal fuhr er auch zu Kundengesprächen. An sich war er sehr technikbegeistert, leider konnte er sehr schlecht Nein sagen, sodass sich immer wieder alte Rechner in der Wohnung stapelten, die er versuchte aufzumöbeln und sie dann zu verkaufen. Diese Staubfänger waren Karen ein Dorn im Auge, am liebsten würde sie sie jedes Mal aufs Neue aus dem Fenster werfen.

Anfangs hörte sie ihm noch aufmerksam zu, während er ihr Details seiner Arbeit erzählte oder sie versuchte aufzuklären, welche Technik sie wie nutzen sollte, weil sie es in seinen Augen falsch machte, stellte manchmal Nachfragen oder ließ sich eine bestimmte Vorgehensweise genauer erläutern. Mittlerweile versuchte sie dies auf ein Minimum zu reduzieren, es interessierte sie persönlich nicht so sehr und deshalb nahm sie auch in Kauf, dass sie einmal einen Fehler in irgendeinem Programm machte. Sie kam mit den alltäglichen Dingen zurecht und das reichte ihr vollkommen.

Auch während des Gesprächs schweiften ihre Gedanken immer wieder ab. Als Alex sich erkundigte, ob sie noch mit ihm einen Film schauen wollte, lehnte sie, mit der Begründung, müde zu sein und am nächsten Tag wieder zeitig auf Arbeit zu müssen, ab.

Sie ging ins Bad, wo sie sich genüsslich den Dreck des Tages vom Körper wusch. Manchmal nahm sie auch ein Bad, aber das konnten sie sich nicht jeden Tag leisten, das wurde auf Dauer zu teuer.

Früher waren sie noch zusammen in die Dusche gesprungen, während sie ihre nackten Körper unter den Wasserstrahlen bewunderten und immer wieder miteinander scherzten.

Ebenso badeten sie früher öfter zusammen, doch Karen genoss es ebenso, wenn sie in sich richtig lang machen konnte, ohne von Alexanders Körper an den Rand gedrückt zu werden.

Sie stellte nach einer Weile den warmen Strahl auf kalt um, das hatte sie vor einer Weile für sich entdeckt, sie fühlte sich danach frischer.

In ein Handtuch gehüllt, stand sie vor dem Spiegelschrank und putzte sich die Zähne, hörte, wie Alexander einen Film startete. Bestimmt lümmelte er wieder auf der Couch, während er auf den riesigen Monitor des Computers starrte.

Nachdem sie ihr Gesicht mit Sheabutter verwöhnt hatte, schlich sie durch den Flur ins Wohnzimmer, wo Alex wie schon vermutet auf der Couch saß. Als er sie sah, elfengleich und nur ins Handtuch gewickelt, entwich ihm ein bewunderter Pfiff durch die Schneidezähne. Der Film wurde gestoppt, jetzt konnte er sich an ihr satt sehen. Ein kleines Lächeln huschte über Karens Gesicht während sie näher auf ihn zu kam und er ein wenig zur Seite rückte um ihr auf dem Sofa Platz zu machen. Sie setzte sich und in der Bewegung rutschte ihr das Handtuch ein wenig nach unten, doch Alex ließ ihr keine Zeit es gerade zu rücken, sondern fasste den Rand des Handtuchs vorsichtig, zog sie zu sich heran und übersähte ihre Hals mit Küssen. Endlich hatte sie seine Aufmerksamkeit wieder auf sich gerichtet, er streichelte über ihren Körper und schob sich über sie, während er sie stürmisch küsste. Nach einer Weile, Karens Atmung ging ein wenig schneller, brach er ab und sah sie an: „Tut mir leid, ich wollte dich nicht vom Schlafengehen abhalten.“

Er setzte sich auf und glaubte ihrem „Nein, ist schon in Ordnung.“ nicht, sondern schob sie vorsichtig ins Schlafzimmer, wo er sie vom Handtuch ganz erlöste und ihr den Schlafanzug über den Kopf zog. Damit war die abendliche Stimmung verflogen und nachdem er ihr mit einem Kuss auf die Stirn eine gute Nacht gewünscht hatte, schlurfte er zurück in die Stube, um den Film weiter zu sehen.

Karen legte sich mit einem enttäuschten Seufzen ins Bett. Eigentlich wollte sie ihn mal wieder aus der Reserve locken, ihr Liebesleben hatte in der letzten Zeit eine Dämpfung erhalten. Woran das lag, konnte sie sich nicht erklären, von einem Tag auf den anderen schlich es sich ein und nistete nun in ihrer Wohnung, wie ein ungebetener, hartnäckiger Gast.

Karen war nie eine Draufgängerin gewesen, hatte stets auf den Richtigen gewartet. Alexander hatte sie zu einer Frau gemacht und mit ihm entdeckte sie viel Neues und fand an vielen Dingen Gefallen.

Nur, dass er in letzter Zeit nicht mehr auf ihre Anspielungen ansprang und sie war sich nicht sicher, woran das lag. Wenn sie das Gespräch auf diesen Punkt lenken wollte, dann wich er aus und verschob das Gespräch darüber auf einen unbekannten Zeitpunkt.

Karen hüllte sich in ihre Decke ein. Durch das halb geöffnete Fenster klangen die Geräusche der Stadt. Eine Großstadt schläft nie, aber trotz allem empfand Karen die nächtlichen Geräusche als Stille und Musik in ihren Ohren: Wenn eine Straßenbahn vorbei ratterte oder die Sirenen der Polizei oder Krankenwagen erklangen. Gedämpft hörte sie auch einige Geräusch des Films, den Alexander im Wohnzimmer schaute.

Im Zimmer war es fast dunkel, sie zogen vor dem Schlafen die Jalousien zu. Karen starrte an die Decke und dachte nach. Gern wäre sie in diesem Moment mit Alex intim geworden, doch aus unerklärlichen Gründen, wenn er sich schon einmal zu solch einer seltenen Tat bewegen lassen konnte, brach er vorher ab. Als ob sie ihn nicht mehr erregen konnte, als ob sie nicht mehr schön genug war.

Karen war eine normale Frau, relativ groß, aber schlank. Sie hatte einige persönliche Problemzonen, war aber durch das regelmäßige Training wieder etwas fitter und ihr halblangen dunklen Haare waren immer ordentlich frisiert. Sie legte viel Wert auf Hygiene und bei gegebenen Anlässen schminkte sie sich gern auch etwas mehr. Sie liebte es, sich für besondere Veranstaltungen schick zu machen und trug ihren Stil mit Selbstsicherheit und Eleganz.

Eingehüllt von der Musik der Großstadtgeräusche schlief Karen irgendwann ein und merkte nicht mehr, wie sich Alex neben sie legte, sie eine Weile beobachtete und über ihr Gesicht streichelte, ehe auch er sich auf seine Seite rollte und einschlief …

Kapitel 4 – Und es hat ZOOM gemacht

Am nächsten Morgen stand Karen allein auf, Alexander schlief so fest, dass er sogar den Wecker überhörte. Karen konnte das nicht. Selbst wenn sie fest schlief, sie wachte bei jedem Weckerklingeln auf.

Nachdem sie das Teewasser aufgesetzt hatte, zog sie sich im Bad an. Außerdem nahm sie sich eine Banane und ein Hörnchen, das sie am Vortag gekauft hatte. Danach beeilte sie sich zur Bahn, denn Lenka hatte ihr noch spät am Abend geschrieben, dass sie doch bitte etwas eher ins Büro kommen sollte. Also fuhr sie eine halbe Stunde eher, das Hörnchen aß sie sie auf dem Weg zur Haltestelle zu Ende.

In den letzten Wochen vor ihrem Jahrestag mit Alexander hatte sie viel zu tun. Lenka hatte den Auftrag einer Musikagentur erhalten, Konzertsäle für einen Künstler zu organisieren und die Zusammenarbeit mit der Agentur zu vermitteln.

In letzter Zeit wendeten sich immer öfter Agenturen an Lenka, mit der Bitte, geeignete Konzertsäle ausfindig zu machen und Kooperationen mit den Agenturen zu vermitteln. Oft hatten diese Agenturen selbst keine Vermittlerkapazitäten, sodass sie mit der Zeit Kataloge für jede Agentur zusammenstellten, mit Vorschlägen und Kontaktdaten. Diese Lokalitäten wurden dann für einen der in der Agentur angestellten Künstler ausgewählt und die Rahmenbedingungen für Konzerte vereinbart, doch diesen Schritt bekamen Karen und Lenka nicht mehr mit. Sie hatten selbst genügend andere Arbeiten zu erledigen.

Besonders Lenka war oft auf der Suche nach neuen Geschäftspartnern, sodass Karen den Auftrag übernommen hatte, Konzertsäle in der Umgebung zu empfehlen und freie Termine für die Agenturen zu reservieren. Deshalb war sie viel in Prag und der Umgebung herumgereist, hatte Säle und Hallen besichtigt und entsprechende Dokumente aufgesetzt und an ihre Chefin gegeben, welche diese dann weiterleitete. Welcher Künstler dann welchen der Termine in Anspruch nahm, war Sache der Veranstalter und der Agenturen, deshalb lernte Karen die Künstler nie persönlich kennen.

Als sie am Büro ankam, waren die Türen schon geöffnet und eine Tasse Kaffee stand auf ihrem Schreibtisch, Lenka stellte Blumen auf ihren Schreibtisch, was bei ihr eher selten vorkam, obwohl sie sehr viele Verehrer hatte. Bei ihr hielt keine Beziehung länger als drei Monate, aber sie war auch nie böse darüber. „Du kennst nicht dein ganzes Leben lang nur eine Sorte Fleisch essen, irgendwann schmeckt dir das dann nicht mehr.“, pflegte sie regelmäßig zu sagen.

„Na du, wen hast du gestern glücklich gemacht, dass du heute Blumen auf dem Tisch stehen hast?“, fragte Karen schmunzelnd. Auch Lenka hatte gute Laune, immerhin hielt sie Karen über ihre Männergeschichten immer auf dem neusten Stand.

„Diesmal, meine Gute, habe ich mir das selbst gekauft.“

„Wieso denn das? Ich denke, du stellst nur Blumen hin, wenn du sie geschenkt bekommst?“

„Ich wollte unser Büro ein wenig mehr nach Sommer aussehen lassen und außerdem bekommen wir gleich Besuch.“, verriet sie mit einem Grinsen.

Na klar, das war ja nichts neues, dachte sich Karen. Immerhin kamen jeden Tag Kunden zu Besuch in den Laden. Sie nahm noch einen Schluck Kaffee, und just in diesem Moment trat ER durch die geöffnete Ladentür, sodass sie vor Schreck ihren Kaffee auf die Bluse verschüttete.

„Guten Morgen.“, grüßte der Pianist mit tiefer melodischer Stimme.

„Guten Morgen.“, grüßte Lenka zurück, während Karen bemüht war, den Kaffeefleck unter ihrem Blazer zu verstecken. Ein wenig davon schaute jedoch darunter hervor. „Darf ich Ihnen jemanden vorstellen? Das ist meine Mitarbeiterin Karen und sie hat Konzerte für Ihre Agentur in den letzten Monaten geplant.“

„Hallo Karen, schön Sie kennenzulernen.“, der Pianist wandte sich nun mit einem Lächeln an sie und streckte auch ihr seine Hand entgegen.

„H-H-Hallo.“, stotterte Karen verwirrt. Er war hier in ihrem Büro und nun wusste er, wer für die Durchführung seiner Tournee in den letzten Monaten verantwortlich war. Und sie stotterte wie ein kleines Kind. Ein kleines Kind mit Kaffeefleck auf der Bluse. Peinlich. Am liebsten wäre sie im Boden versunken, doch sie schenkte ihm ein schiefes Lächeln.

Lenka hatte ihr nie erzählt, für wen sie da eigentlich Kooperationsverträge aushandelte, aber dass es sich um DEN Pianisten persönlich handelte, machte sie gleich noch viel nervöser. Sie hatte aber auch nie danach gefragt, sondern brav ihre Aufgaben ausgeführt. Es war auch typisch für Lenka, dass sie ihre Kontakte spielen ließ und trotz Verschwiegenheitspflicht der Agenturen herausfand, wer von ihrer Arbeit profitierte. Dann hielt sie oft nicht damit hinterm Busch und sprach die Leute direkt darauf an, wie auch immer sie es jedes Mal schaffte, Kontakt zu den verschiedensten Künstlern aufzunehmen. Doch das war Lenka und sie verstand sich sehr gut darin, ihre eigenen Vorzüge auszunutzen.

„Ach, das war unhöflich von mir, ich sollte mich Ihnen vorstellen. Mein Name ist Klingenbaum. Roman Klingenbaum. Da du meine Organisatorin warst, kannst du mich ruhig Roman nennen.“

Das „Ich weiß“ konnte sie sich gerade noch verkneifen. Sie war überrascht über seine Leichtigkeit, wie er sie bedenkenlos duzte.

„Klingenbaum? Warum Klingenbaum? Das ist doch kein tschechischer Name.“, stellte Karen fest. Und immerhin sprach er fließend tschechisch.

„Mein Großvater war Deutscher, er hat eine Tschechin geheiratet.“, erklärte ihr. Allein schon seine weiche Stimme jagte ihr eine Gänsehaut über den Rücken, so melodisch klang sie. Ein feines Parfüm umgab ihn, ein leichter männlicher Geruch ging von ihm aus, nicht zu süß, genau so wie Karen es mochte. Reiß dich zusammen, mahnte sie sich.

„Lenka, ich bin hergekommen, weil ich mit der Organisation der Touren sehr zufrieden war und im nächsten Jahr würde ich das gern wiederholen. Vielleicht auch mit einigen Terminen im Ausland. Hättet ihr Lust, so als Team von Tour&Event wieder an meiner Seite zu sein?“

„Das solltest du lieber gleich Karen fragen, sie hat diese Arbeit abgeliefert und wenn es ihr so gut gelungen ist, dann würde ich sie gern wieder damit betrauen.“

„Karen, hättest du Lust dieses unwiderstehliche Angebot anzunehmen?“, versuchte er zu scherzen.

„J-J-Ja, sehr gern.“, antwortete sie, noch immer perplex, dass sie DEM Pianisten, dessen Tournee sie geplant hatte und nie persönlich mit ihm in Kontakt getreten war, weiter zur Hand gehen sollte.

„Super. Ich habe leider auch nicht zu viel Zeit, ich muss noch ins Tonstudio und weiter an meiner CD arbeiten. Vielen Dank Mädels und Karen, auf eine gute Zusammenarbeit!“

Er drückte ihr eine Visitenkarte in die Hand und nach einem gestotterten „D-D-Danke“ von Karen rauschte er wieder heraus auf die Straße, wo er zwischen den Touristen aus Karens Blickfeld verschwand.

„Tschüss.“, trompetete Lenka in ihrem Gute-Laune-Singsang hinterher und drehte sich dann zu ihrer Freundin um. „Mein Gott Karen, was war denn das gerade? Du hast ja gestottert! Ich wusste gar nicht, dass du so unsicher sein kannst!“

„Das war ER, ich war auf seinem Konzert. Vorgestern. Mit Alexander.“

„Und?“

„Er war unglaublich und ich mache mich hier zum Deppen, weil ich mir den Kaffee auf die Bluse kippe und mich aufführe wie ein Fohlen, dass das erste Mal alleine aufsteht.“, dieser Vergleich war ihr offenbar gelungen, denn Lenka musste herzhaft lachen und warf ihre blonden Haare schwungvoll zurück.

„Jetzt mach dir deswegen mal keine Gedanken. ER freut sich auf gute Zusammenarbeit und schien sich überhaupt nicht über den Fleck lustig zu machen. Vielleicht hat er ihn gar nicht gesehen. Weißt doch, das sind Männer, denen fällt so etwas gar nicht so schnell auf.“, sie zog verschwörerisch die eine Augenbraue nach oben.

„Vielleicht hast du Recht.“, stimmte Karen ihrer Freundin zu.

Der Rest des Tages verlief wie im Flug. Die Visitenkarte hatte Karen in ihre Handtasche gesteckt. Dort stand sein Name und seine Telefonnummer drauf. Aber dort würde sie sowieso nicht anrufen, die Agentur schickt ihr wieder Terminvorschläge und Wünsche für Städte, in denen Konzerte stattfinden könnten und dann kann sie sich ihrer Aufgabe, dem Planen, zuwenden, ohne in weiteren Kontakt mit ihm treten zu müssen. Immerhin hatte er bestimmt viele Fans, die er mit seinem Klavierspiel um den Finger wickeln könnte. Und sie hatte Alexander. Auch wenn zwischen ihnen gerade Flaute herrschte, fünf Jahre wollte sie nicht so schnell wegschmeißen. Dafür hatten sie zusammen zu viel erlebt.

Nach Ladenschluss fuhr Karen noch zum Training. Sie musste ihre Gedanken ordnen und fuhr mit einem Einer hinaus auf den friedlich vor sich hin fließenden Fluss. Die Sonne wurde langsam von grauen Wolken verdeckt, ein leichter Wind kam auf. Während sie so ihre Bahnen zog, flussaufwärts und wieder -abwärts erinnerte sie sich, wie sie sich mit Alexander kennengelernt hatten.

Damals war er zeitweise als Aushilfe in der Abendschule, da er die neuen Computer in Betrieb nahm, einrichtete und das Netzwerk der Schule aufbaute. Eines Abends kam er auch in den Raum, in welchem ihr Kurs stattfand.

Immer wieder beobachtete Karen ihn und wenn er ihren Blick bemerkte, lächelte er ihr zu. Nach der Stunde hielt er sie am Arm zurück mit den Worten, wenn sie schon nicht die Augen von ihm lassen könne, dann solle sie sich von ihm auf einen Kaffee einladen lassen. Also verabredeten sie sich, doch Karen dachte am Anfang nicht daran, dass sie jemals ein Paar werden könnten.

Sie fand ihn sympathisch und lustig war er auch. Sie konnte mit ihm über alles reden und er ging mit ihr sogar zum Shoppen in eines der vielen Einkaufshäuser. Die Stunden mit Alex waren immer unbeschwert und Karen fühlte sich in seiner Anwesenheit wohl. Oft trafen sie sich abends, als der Kurs bereits zu Ende war, und spazierten durch die Stadt. Samstags verabredeten sie sich zum Feiern in eine Diskothek oder er zeigte ihr ein paar versteckte Plätze in Prag. So lernte sie die Stadt noch besser kennen, vor allem die versteckten Gärten mitten im Zentrum.

In einem dieser Gärten, er war in der Altstadt, trafen sie sich auch an jenem Tag vor fünf Jahren. Karen trug ein hellblaues Sommerkleid, denn es war ziemlich warm. Sie setzten sich nebeneinander auf eine der Bänke im Schatten. Da es schon dämmerte, waren nicht mehr viele Leute um sie herum. Ohne Vorwarnung zog Alex eine Flasche Sekt aus seinem Rucksack und öffnete diese. Auf ihre Frage, was es denn zu feiern gäbe, schaute er sie lange an und flüsterte, dass er sich in sie verliebt hatte. Sie konnte nicht mehr widerstehen und küsste ihn vorsichtig. Zum ersten Mal. Es hatte bei ihr schon eher ZOOM gemacht, damals, als sie im Mai zu ihm nach Hause rannten, weil es regnete und sie sich bei ihm aufwärmte, bevor sie nach Hause fuhr. Er holte seine Gitarre hervor und klimperte ein sehr schönes Lied, während sie auf seinem Sofa saß, eingewickelt in eines seiner Handtücher und mit einer großen Tasse Tee in der Hand. In diesem Moment war es, als sähe sie ihn mit anderen Augen. Karen hatte sich jedoch nie getraut ihm das zu sagen, sie wollte ihre Freundschaft nicht aufs Spiel setzen.

An diesem Tag war sie so glücklich, als er ihr offenbarte, das Selbe zu fühlen. Gemeinsam tranken sie den Sekt aus der Flasche und spazierten später an der Moldau entlang, bis nach Podolí. Die Sonne ging bereits unter und in der Hälfte des Weges traute sie sich, ihn bei der Hand zu nehmen. Damals fühlte es sich an, als würde ein Strom von seiner Hand durch ihren Arm gehen.

Aus den dunklen Wolken fielen die ersten Tropfen, doch das machte Karen nichts aus. Sie liebte den Regen im Sommer. Den Einer steuerte sie zurück zum Bootshaus, wo sie anlegte und nach dem Training nach Hause lief, nicht die Bahn nahm, um den ersten lauen Sommerregen in vollen Zügen zu genießen. Wenn die Straßen vom Staub befreit waren, dann roch es selbst in der Stadt frisch. Karen tanzte fröhlich über den Fußweg, der zu ihrem Wohnhaus führte. Nein, sie würde diesen Klingenbaum nicht anrufen, sie wollte lieber ihre Beziehung zu Alexander wieder in Schwung bringen.

Doch ein kleiner Teufel in ihrem Ohr flüsterte ununterbrochen ruf ihn an