Autor: Rico

Stunde Null: Ultimatum – Kapitel 10

Autor: Sebastian Dobitsch
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Das Wort Rache klang in Thoms Ohren wie eine Melodie. Für ihn bedeutete es süße Genugtuung für Jahre voller Leid und einen endgültigen Abschluss seines ehemaligen Lebens. Die Knechtschaft war vorüber und es wurde Zeit, eine neue Existenz einzuläuten, auch wenn diese mit dem Vergießen von Blut begann. Nachdem er den letzten Tag zusammen mit Hassan seine Rache geplant hatte, war der ersehnte Moment nun endlich gekommen.

Tiefe Nacht war über die Stadt hereingebrochen, düstere Wolken schoben sich vor den Mond und ein kühler Luftzug brachte die Äste der umliegenden Bäume zum Knirschen. Völlig reglos verharrte Thom in der Deckung einer hoch aufragenden Fichte, seine klammen Finger um das Okular eines Nachtsichtgerätes geschlossen. Vor seinen Augen zeichnete sich hügeliges Terrain ab, das vom grünen Schleier des Nachtsichtgerätes eingefärbt wurde. Von der bewaldeten Anhöhe, auf der er sich befand, offenbarte sich ein ausgezeichnetes Sichtfeld.

Zu seiner Linken erstreckte sich ein unbewohntes Waldgebiet, wogegen auf der rechten Seite eine Landstraße in die Ausläufe der Stadt mündete. Eine Weile lang betrachtete er wortlos den sanft vor ihm abfallenden Hügel, bis sein Augenmerk schließlich auf dem quadratischen Bau eines Herrenhauses haften blieb. Es handelte sich um ein großes, von allen Seiten ummauertes Gebäude. Die Front zeigte auf die hell erleuchtete Straße, wohingegen die Rückseite auf eine große Weide gerichtet war. Ein tiefer Seufzer entstieg Thoms Kehle, dann wandte er seinen Kopf zu Hassan.

»Das ist Ivans Anwesen, sagst du?«

»Ja«, antwortete Hassan, ohne seinen Blick von dem entfernten Gebäude abzuwenden. »Erkennst du es nicht? Es sieht genauso aus wie auf den Bildern, die ich dir gezeigt habe. Die Informationen unseres Gönners lassen keinen Zweifel daran.« Unruhe beschlich Thoms brennende Entschlossenheit und Hassan legte ihm beschwichtigend die Hand auf seine Schulter. »Alles in Ordnung?«, fragte er und musterte Thom mit einem eindringlichen Blick.

»Ja, natürlich.« Er sog scharf die kühle Nachtluft ein. »Ich bin nur ein wenig angespannt, mehr nicht.« Ein verständnisvolles Brummen drang aus Hassans geschlossenen Lippen.

»Bist du dir wirklich sicher, dass du das alleine machen willst? Ich kann dir helfen.«

»Ich bin sicher«, beharrte Thom stur. »Wir dringen gemeinsam in das Anwesen ein, aber den Rest muss ich alleine erledigen, verstehst du? Das ist etwas Persönliches.«

»Wie du meinst.« Hassan zuckte mit den Schultern und löste sich aus dem Schatten der hoch aufragenden Bäume. »Bist du bereit? Dann lass uns beginnen.« Er schlich den Hügel hinab, dicht gefolgt von Thom. Ihre Körper verloren in der Dunkelheit jegliche Kontur, sie zerflossen geradezu im Mosaik des trüben Zwielichts. Kein Geräusch erklang, während sie sich langsam dem schwach beleuchteten Anwesen näherten, außer dem leisen Rascheln des Grases. Bei jedem Schritt begann Thoms Herz schneller zu schlagen, fast so, als spränge es gleich aus seiner Brust.

Hastig folgte er den Schritten seines Vordermanns, bis sie nur noch wenige Meter von der Gebäudeumfriedung entfernt waren. Vor ihnen ragte das gänzlich in Weiß gestrichene Herrenhaus empor, dessen durch Kameras gesicherte Mauer für einen Laien unüberwindbar erschien. Für Thom und Hassan stellten diese trivialen Sicherheitsvorkehrungen jedoch keine Abwehr dar. Bereits im Vorfeld hatten sie die bestehenden Hindernisse analysiert und sich einen geeigneten Plan zurechtgelegt. Zu ihren Gunsten befand sich auf der Umfriedung nur eine geringe Anzahl an Kameras, wodurch es ohne größeren Aufwand möglich war, diese an der richtigen Stelle zu umgehen. Beinahe lautlos überquerten sie die letzten wild bewachsenen Meter, ehe sie im Schatten der groben Steinmauer angelangten. Thom blickte prüfend an ihr hinauf und wandte sich ein letztes Mal zu Hassan um. Dieser schüttelte nur kurz den Kopf, deutete einige Meter weiter nach links und positionierte sich von Neuem.

»Bist du bereit?«, fragte Hassan, während sich sein kräftiger Körper gegen den kühlen Stein der Grundstücksmauer presste.

»Ja bin ich.«

»Dann los!« Mit einer schnellen Bewegung trat Thom in Hassans gefaltete Hände, zog sich an dem rauen Gestein empor und ließ sich wie eine Schlange über den höchsten Punkt der Mauer hinweg gleiten. Die Dunkelheit verschlang seinen Körper binnen Sekunden. Nur wenige Augenblicke später stieg auch Hassan über das Hindernis. Seine Bewegungen wirkten routiniert und präzise. Nicht das leiseste Geräusch war entstanden, fast als wäre er über das Hindernis geschwebt. Durch ein flüchtiges Nicken symbolisierte Thom, dass er bereit war und pirschte auf den dunklen Schatten des Anwesens zu. Vor ihnen erstreckte sich eine weitläufige und bizarr wirkende Poollandschaft. Eine Reihe von Palmen steckte im frostigen Boden, neben welchen sich große, entwässerte Becken unter einer bleichen Plane ins Erdreich gruben. Etwas irritiert wechselte Thom mit Hassan einen Blick, ehe sie sich abermals in Bewegung setzten.

Das schimmernde Neonlicht der Becken vertrieb mit einem Mal die schützende Dunkelheit und tauchte das Grundstück in einen trüben Dschungel gedämpfter Farben. Vorsichtig schlich Thom durch die unwirkliche Landschaft und ging neben einer faserigen Stechpalme in Deckung. Von diesem Punkt aus eröffnete sich ein weites Blickfeld, das bis zur gläsernen Fassade der Terrasse reichte. Im Inneren des Gebäudes brannte zwar Licht, doch war keine Menschenseele zu erkennen.

»Gut«, schlussfolgerte Hassan neben ihm gedämpft und ging leicht in die Hocke. »Bis hierhin war es einfach. Nun bist du wohl auf dich alleine gestellt.« Eine kurze Pause entstand und Hassan zog einen länglichen Gegenstand aus dem Inneren seiner Jacke. »Das könntest du vielleicht gebrauchen.« Seine Finger hielten ihm das umwickelte Bündel entgegen. »Hast du so etwas schon einmal benutzt?« Thom ergriff den Saum des Tuches, schlug es beiseite und blickte auf den geschwärzten Griff einer Pistole.

»Nein. Aber ich weiß, wie sie funktioniert.« Ein gerissenes Lächeln erschien auf seinen Lippen, bevor er dankbar Hassans Hand ergriff. »Das weiß ich zu schätzen. Ich werde dich und den Gönner nicht enttäuschen!« Hassan klopfte ihm verabschiedend auf die Schulter.

»Genieße es. Das hier ist deine Rache.« Mit diesen Worten lösten sich seine Umrisse aus dem Schatten der Palme und verschwanden im trüben Nebel der Nacht. Stille kehrte ein und Thom blickte mit gemischten Gefühlen auf die Waffe in seinen Händen. Das war alles, was er die letzten Jahre begehrt hatte und nun war der Moment gekommen. Ein warmes Prickeln pulsierte durch die Spitzen seiner Finger. Er steckte die Pistole beiseite, blickte sich um und kroch weiter durch den künstlichen Urwald. Nur wenige Meter vor ihm erstreckte sich bereits eine Terrasse aus dunklem Holz, an deren Ende eine geöffnete Glastür stand. Wie hypnotisiert blickte Thom zu der sich ergebenden Chance herüber. Jegliche Furcht war nun aus seinen Knochen gewichen und an ihre Stelle trat eiserne Entschlossenheit.

Mit raschen Schritten verließ er das trübe Dickicht, erklomm die Stufen zur Terrasse und trat durch die gläserne Eingangstür.

Seufzend verließ Ivan die dampfend heiße Luft der Sauna, streckte seine müden Glieder und wickelte sich ein Handtuch um die breite Hüfte. Der Ruhestand war herrlich und so war er nicht herum gekommen einige Kilo zuzunehmen. Mit selbstgefälligem Gang setze er sich in Bewegung, ergriff eine Hand voll Eiswürfel und presste sie gegen seine aufgeheizte Haut. Ein wohliges Stöhnen drang aus seiner Kehle, während er wankend vor einem vergoldeten Spiegel hielt. Die Jahre zeichneten sich bereits deutlich auf seiner Haut ab, allerdings störte er sich daran nicht im Geringsten. Er hatte alles erreicht, was sich ein Mensch nur vorstellen konnte und lebte nun sein ruhiges Leben. Dieser Reichtum war all die vergangenen Mühen wert. Zu Beginn seiner Laufbahn war er nur ein Kleinkrimineller unter vielen gewesen, bis ihn sein finanzieller Scharfsinn schnell vorangebracht hatte. Er bereute nichts. Gemächlichen Schrittes verließ Ivan die beheizten Bodenfliesen und stieg die hölzerne Treppe hinauf. Obwohl er unmittelbar mit schnellen Schritten begann, wurde er bereits nach wenigen Stufen langsamer. Er war tatsächlich nicht mehr in bester Form und so zeichneten sich am Ende der Treppe bereits dicke Schweißperlen auf seiner Stirn ab. Die Frage, ob er sich einen Aufzug einbauen sollte, hatte sich soeben geklärt. Pfeifend durchwanderte er den hellen Wohnraum, ließ sich ächzend auf die Couch sinken und nahm eine Zigarre vom gläsernen Beistelltisch. Das duftende Tabakblatt roch herrlich, weichte aber unter seinen nassen Fingern unangenehm auf. Ivan warf schimpfend die Zigarre zu Boden, rieb sich die Finger am ledernen Bezug der Couch ab und entzündete eine neue. Noch während er genüsslich einen tiefen Schwall dunstigen Rauches in den Raum blies, wanderte sein Blick über die Fasern des Teppichbodens, auf deren Oberfläche ein bräunlicher Fußabdruck prangte. Irritiert richtete sich Ivan auf und begutachtete den Fleck.

Ein schlammiger Fußabdruck besudelte das herrliche Weiß seines Bodens und eine zornige Röte schoss ihm in die Backen. Vermutlich war Pavel draußen im Regen herumgelaufen und hatte nicht auf seine schmutzigen Sohlen geachtet. Ein verächtliches Schnauben blähte seine Nüstern.

»Pavel?«, rief er seinen Leibwächter hitzig und ließ sich wieder auf sein Sofa fallen. Der Fleck störte ihn im Wesentlichen kaum. Einem Mann wie ihm ging es vielmehr um den Respekt. Höfliche Unterwürfigkeit seitens anderer Menschen war das Mindeste, das Ivan erwartete. Zeitgleich vernahm er das Geräusch näher kommender Schritte, die langsam hinter ihm zum Stehen kamen. »Ah, da bist du ja«, brummte er in strengem Ton und deutete auf den befleckten Teppich. »Wie kannst du dir das erklären?« Er verzog seine Augenbrauen zu einem erbosten Stirnrunzeln. Keine Antwort erklang. »Du fühlst dich wohl nicht angesprochen, oder?«, herrschte er mit einem Mal los, wirbelte herum und erstarrte. Vor ihm stand nicht Pavel, sondern eine gänzlich fremde Person. Mit bebenden Lippen stolperte er zurück, blickte sich nervös um und besann sich abermals seiner gewohnten Dominanz. »Was wollen Sie hier? Sie haben auf meinem Anwesen nichts zu suchen. Verschwinden Sie, oder ich lasse Sie erschießen!«, zeterte er mit geballter Faust. Ungerührt dieser Drohung ging Thom weiter auf ihn zu, beugte sich auf provozierende Nähe heran und zog seine Pistole. Ivans rote Gesichtszüge erblassten schlagartig und er hob beschwichtigend die Hände. »Glaub mir, das würdest du bereuen«, zischte er vorsichtig drohend und wich langsam zurück. »Wer schickt dich? Ich bin schon lange aus dem Geschäft!« Wortlos ging Thom weiter auf ihn zu, unternahm aber keine Mühe, zu antworten. »Ich habe Geld!«, argumentierte Ivan schließlich in versöhnlichem Ton. Jegliche Selbstsicherheit war aus seinen fleischigen Gesichtszügen verschwunden. »Wir können das auch anders klären. Sag mir deinen Preis.« Ohne auf die verzweifelten Angebote einzugehen, trat Thom nach vorne, fixierte Ivan mit verachtendem Blick und schlug ihm die Pistole ins Gesicht.

Mit einem überraschten Jaulen hielt dieser sich die schmerzende Stirn, fluchte leise in seinen Schnurrbart und taumelte zurück. Noch bevor seine bebenden Lippen etwas erwidern konnten, ergriff Thom bereits das Wort.

»Schweig!«, befahl er gebieterisch und richtete den Lauf der Waffe direkt auf seine Stirn. »Du wirst jetzt genau tun, was ich dir sage!« Ein unsicheres Stammeln erklang, bevor Ivan seine gehässige Tonlage wieder fand.

»Du begehst einen schweren Fehler. Sobald ich rufe, wird mein Leibwächter deinen erbärmlichen Körper mit Blei durchlöchern!« Unbeeindruckt schlug Thom noch einmal zu und packte Ivan fest am Hals.

»Schrei ruhig, so laut du kannst, denn niemand wird dich hören.« Verdattert begannen Ivans Augen umherzuhuschen. Ein spöttisches Lächeln spielte sogleich um Thoms Lippen. »Überrascht dich das? Es ist nicht das erste Mal, dass dein Leibwächter sich davon schleicht, während du deinen fetten Körper zum Schwitzen bringst.« Wie bei einem an Land gezogenen Karpfen begann sich Ivans Mund immer wieder zu öffnen und klanglos zu schließen. Jeglicher Laut blieb in seinem breiten Hals stecken.

»Wer bist du?«, keuchte er schließlich ungläubig.

»Ich stelle jetzt die Fragen!«, ertönte sogleich die Antwort. »Hier entlang!« Mit rascher Bewegung packte er Ivan an seinem behaarten Nacken und stieß ihn unsanft voran. Thom folgte seinem Opfer, fast wie ein Metzger, der das Schwein auf die Schlachtbank führte. Nun gab er den Takt an und beherrschte das Geschehen mit der Erhabenheit eines Dirigenten.

»Was hast du mit mir vor?«, keuchte Ivan über seine Schulter gewandt. Die Sorge war seinem Gesicht mittlerweile deutlich anzusehen.

»Das wirst du noch rechtzeitig erfahren.« Thom stieß ihn ein weiteres Stück voran. Wie ein wehrloser Sklave humpelte Ivan durch einen weiten Gang und blieb schließlich auf einen bellenden Befehl hin vor der Tür seines Badezimmers stehen.

»Öffnen!«, wies Thom ihn an, wobei er den kalten Lauf der Waffe unmittelbar gegen seinen Hinterkopf drückte. Gehorsam legte Ivan seine Finger um den glänzenden Messinggriff und ließ die Holztür aufschwingen. »Jetzt geh rein!«, erfolgte ein weiterer Befehl. Die Worte drangen so kalt aus Thoms Lippen, dass diese beinahe zu gefrieren schienen. Anstandslos setzte Ivan seine bleiernen Füße in Bewegung und zupfte hilflos sein rutschendes Saunatuch zurecht. Auch sein Geiselnehmer trat hinter ihm in den lichten Raum, doch er blieb in einigen Metern Entfernung kurz vor dem Türrahmen stehen. »Dreh dich zu mir um!« Mit widerstrebender Langsamkeit wandte Ivan seinen behäbigen Körper und starrte geradewegs in Thoms eisblaue Augen. Für eine Weile trafen sich ihre funkensprühenden Blicke, dann senkte sich die bedrohliche Pistole. »Du willst wissen, wer ich bin? Warum du meine Geisel bist? Ich werde dir deine Frage beantworten.« Eine kurze Pause ließ den Raum in greifbarem Unbehagen erstarren und Ivans Nackenhaare stellten sich fröstelnd auf. »Es ist mehr als 17 Jahren her. Damals hast du einen unschuldigen Mann ermordet, einen Dolch in seine Brust gerammt und ihn in einer wassergefüllten Badewanne ausbluten lassen. Seinen kleinen Sohn, hast du in der brennenden Wohnung zurückgelassen. Erinnerst du dich?« Ratlos suchte Ivan nach einer passenden Antwort.

»Was willst du von mir hören?«, beteuerte er verständnislos. »Soll ich sagen, dass es mir Leid tut? Das ist schon ewig her, ich bin aus dem Geschäft draußen. Wieso interessiert es dich, wem ich was angetan habe?« Wortlos musterte Thom sein Gegenüber mit einem zerschmetternden Blick und begann, die Knöpfe seines Hemdes zu lösen. Völlig irritiert starrte Ivan ihm entgegen, bis er mit völlig entkleidetem Oberkörper vor ihm stand. Erst als Ivan die schrecklichen Brandnarben sah, die sich wie giftige Schlangen um den kompletten Körper wanden, leuchtete die Erkenntnis in seinen Augen auf.

»Du?«, prustete er entsetzt. »Warum bist du nicht tot?« Ein abwertendes Zischen löste sich augenblicklich von Thoms Zunge.

»Weil du immer noch lebst. Das Schicksal hat einen grausamen Humor.. Schau hinter dich und rate, was dich jetzt erwartet?« Erschrocken drehte Ivan seinen Kopf und stellte fest, dass er unmittelbar mit dem Rücken zu der Badewanne stand.

»Nein, mach keine Dummheiten«, stotterte er unbeholfen. Erst jetzt hatte die Angst ihn vollständig erfasst. Ungerührt trat Thom einen Schritt näher heran, steckte jedoch überraschend die Pistole beiseite.

»Ich bin nicht wie du«, knurrte er unter zusammengebissenen Zähnen. »Ich gebe dir die Chance, die mein Vater niemals hatte.« In diesem Moment zog er eine blitzende Klinge hervor und warf seinem Kontrahenten eine identische Waffe vor die nackten Füße. Wie betäubt blickte Ivan auf das blank polierte Metall. Sein aufgewühlter Verstand musste erst einmal verarbeiten, was soeben geschehen war. Dann stürzte er sich gierig auf das Messer. Kaum hatten seine Finger die Waffe umschlossen, griff er an. Trotz einer heftigen Attacke verfehlte er Thoms agilen Körper und die Klinge fraß sich klirrend in eine Wandfliese. Auch ein zweiter und dritter Hieb brachten lediglich die Luft in Wallung. Thom wich seinen Angriffen geschickt aus, machte ihn zum Narren, als wäre es bloßes Spielzeug, was er in Händen hielt.

»Mistkerl!«, jaulte Ivan verzweifelt. Die panische Anstrengung verlangte seinem Körper jegliche Kraft ab. Dicke Schweißperlen rannen seine Stirn hinab und verliehen den aufgeblähten Backen einen feuchten Glanz. Mühelos wehrte Thom Ivans plumpe Angriffe ab und ging selbst zur Attacke über. Voller Zorn ließ er das Messer immer wieder auf seinen Gegner niederfahren. Ivan konnte dem Klingenhagel nichts entgegensetzen. Schnitt für Schnitt wurde seine Haut von Wunden übersät. Hellrotes Blut floss über seinen Körper, doch hatte er seinen Willen noch nicht verloren. Stöhnend ließ er die Klinge voran wirbeln und setzte einen schwingenden Faustschlag hinterher. Das Messer verfehlte sein Ziel, der Schlag traf. Eine Erschütterung fuhr durch Thoms Wangenknochen. Seine eiserne Konzentration blieb. Er wich dem nächsten Angriff aus und setzte einen gezielten Treffer gegen Ivans Brust.

Wie ein harpunierter Wal begann sein massiger Körper zu schwanken. Aus zahllosen kleinen Schnitten lief das Blut. Thom ließ den Anblick auf sich wirken. Sein Rachedurst blieb ungestillt. Ivan hatte sich derweil gefangen. Mit erhobener Klinge sprang er auf ihn zu. Im letzten Moment tauchte Thom unter dem Angriff hinweg und bohrte seine Klinge zwischen die atemlos gespreizten Rippen seines Widersachers. Ein kehliger Schrei erklang und Ivan stürzte zu Boden. Sein gesamter Körper lag nun ausgestreckt auf den weißen Fliesen, die sich unter seinen zuckenden Bewegungen langsam in schmieriges Rot verwandelten. Sichtlich zufrieden musterte Thom den qualvollen Todeskampf und beugte sich schaulustig über sein Opfer.

»Wir sind noch nicht am Ende«, sagte er kaltblütig. »Aber es ist bald vorbei.« Röchelnd blickten Ivans verquollene Augen zu ihm herauf, wobei Thom das in seinen Rippen steckende Messer fest umschloss. »Aufstehen!«, befahl er barsch und zog den im Sterben liegenden Körper auf die Knie. »Kommt dir das bekannt vor?«, herrschte er emotionsgeladen. Seine von Blut verschmierten Handschuhe umschlossen Ivans Kehle. »Jetzt schicke ich dich dorthin, wo auch du meinen Vater hin verbannt hast. In ein ereignisloses, schwarzes Nichts. Es wird Zeit zu sterben!« Er hob ruckartig den schweren Körper empor und ließ ihn scheppernd in die Badewanne fallen. Ein leidvolles Stöhnen ertönte sogleich aus Ivans Rachen. Erbarmungslos beugte sich Thom über ihn, betätigte den Wasserhahn und beobachtete, wie das Leben langsam aus seinem Erzfeind entwich. Erst, als das verfärbte Wasser ihm bereits bis zur Brust gestiegen war setzte die unregelmäßige Atmung aus. Ivans Augenlider schlossen sich, seine Haut nahm eine mattweiße Farbe an und jegliche Regung war aus seinem Körper gewichen. Schweigend verharrte Thom auf dem Rand der Badewanne und starrte dem verblichenen Leichnam entgegen. Ein seliges, wenn auch verstörendes Gefühl ergriff ihn. Er hatte endlich Rache an dem Verbrecher genommen, der sein Leben vollständig aus den Fugen gebracht hatte. Nur aufgrund dessen gieriger Schandtaten lag sein Vater auf unwürdige Weise unter der Erde verscharrt. Eine tiefe Zufriedenheit überkam Thom, gleichzeitig war er sich bewusst, dass er eine unwiederbringliche Grenze überschritten hatte, vom Kleinkriminellen zum Mörder. Seine Entscheidung war nicht mehr rückgängig zu machen. Der Gönner hatte sein Wort gehalten und er beabsichtigte, ihm denselben Respekt zu erweisen. Beim Anblick von Ivans erblasster Leiche überkam ihn so viel wärmende Genugtuung und Freude, dass er zu frösteln begann. Für einen kurzen Moment widerte er sich selbst an, dann streifte er die Zweifel einfach ab. Er hatte sich für ein neues Leben entschieden. Eines, in dem kein Platz mehr für moralische Bedenken war. Feierlich schloss er den sprudelnden Wasserhahn, wandte sich ab und verließ, ohne noch einmal zurückzublicken, den blutigen Ort seiner Rache.

Der Pianist – Wenn Das Herz Polka Tanzt

Autor: Katja Frühauf
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Vorwort

Es war ihr fünfter Jahrestag und Alexander hatte Karten für ein Klavierkonzert gekauft, weil er wusste, dass dies Karens Lieblingsmusik war. Er wusste so vieles über sie. Er kannte sie so gut. Er war der perfekte Mann für sie. Immer freundlich, hilfsbereit und zuvorkommend. Er brachte sie zum Lachen und war ihre Schulter zum Anlehnen.

Vorher waren sie bereits in einem edlen Fischrestaurant zum Abendessen und ein kühler Weißwein rundete das Dinner in entspannter Atmosphäre ab. Er lächelte ihr ins Gesicht und streichelte ihre Hand.
Die letzten fünf gemeinsamen Jahre waren geprägt von Liebe und Zärtlichkeit. Trotz einiger Streits hatten sie sich immer wieder vertragen und auch nachdem sie zusammen in eine Wohnung gezogen waren, konnten die Routine und der Alltagsstress zweier Vollzeit arbeitenden Menschen diese nicht auseinander bringen. Sie waren wie Yin und Yang, wie Sommer und Winter, wie Tag und Nacht, zwei Pole, die sich gegenseitig anzogen und nie ohne einander sein konnten.

Sie saßen gespannt wartend in den Stuhlreihen des Konzertsaals. Alexander hielt Karens Hand ununterbrochen in seiner und strich mit dem Daumen über ihren Handrücken. An diesem Abend sah sie besonders schön aus in ihrem schwarzen Kleid und mit hochgesteckten Haaren, auffälligen Ohrringen und einem wunderschön geschminkten Gesicht. Sie wirkte selbstbewusst und elegant, gleichzeitig verführerisch und traumhaft schön. Das war es, was er an ihr bewunderte. Sie sah in eleganten Kleidern genauso wunderbar aus wie ungeschminkt in ihrem ausgeleierten Schlafshirt.

Das Licht verdunkelte sich und die Scheinwerfer leuchteten auf das Podium, welches ein hochgewachsener, schlanker Mann mit dunklen, kurzen Haaren betrat. Er trug einen dunkelblauen Anzug und verbeugte sich vor dem Publikum, bevor er am Flügel Platz nahm.
Dann griff er in die Tasten, die ersten Töne erfüllten den Raum und Karen hatte alles um sich herum vergessen. Gespannt beobachtete sie jede Bewegung des Pianisten. Seine Finger waren so grazil und schön, in einem Moment streichelten sie die Tasten, in einem anderen schlugen sie förmlich darauf ein. Karen fühlte die Musik, die Gefühle und die Töne klangen in ihr, wie als würden die Saiten in ihr selbst vibrieren. Diese Musik füllte sie voll aus, machte sie glücklich und ließ sie für ein paar Minuten aus dem Alltagstrott austreten. Sie vergaß sogar Alexanders Anwesenheit neben sich, es gab nur sie und die Musik. Die Musik und den Pianisten. Sein Gesicht war eben und seine Augen von so hellem Blau, dass sie mit dem Himmel konkurrieren könnten.

Er war so konzentriert, dass er die Blicke der Zuschauer völlig ignorierte.

Karen verfolgte seine Bewegungen und fühlte mit dem Klavier mit. Der Zauber, den alle Pianisten auf sie hatten, war erneut entfesselt. Sie war wieder die Karen, die sich ganz in der Musik verlor, die alles vergaß und sich nur auf den Pianisten fokussierte.

Karen konzentrierte sich so sehr auf den Mann am Flügel, dass sie fast erschrak, als dieser sein Konzert mit dem letzten Ton beendete. Die Zuschauer erhoben sich zum Beifall und nach der Vorstellung spazierte sie mit Alexander Hand in Hand in die laue Sommernacht. Er schien von ihrer Extase nichts mitbekommen zu haben, sie spazierten durch die nächtlichen Gassen und kamen irgendwann vor ihrer gemeinsamen Wohnung an.

Während sie sich auszogen und wuschen, sich nebeneinander die Zähne putzten, so wie oft in den letzten zwei Jahren, ging Karen den ganzen Abend gedanklich noch einmal durch. Es war ein wunderbarer Abend gewesen. Alexander hatte sich wieder selbst übertroffen. Doch der erhoffte Heiratsantrag war wieder nicht dabei gewesen. Dabei war sich Karen so sicher, dass Alexander der Richtige war. Sie kannten sich schon so lange und hatte allerhand zusammen durchgemacht.

Sie legten sich nebeneinander in ihr Bett, den Anblick des Anderen ohne Bekleidung waren sie schon gewöhnt, sodass sie nicht mehr übereinander herfielen. Sie legten sich unter die Decke, Karen kuschelte sich an Alexander und sie wünschten sich eine gute Nacht. Nachdem er sie auf die Stirn geküsst hatte, drehte er sich auf die andere Seite und schlief schnell ein.
Karen konnte noch nicht gleich einschlafen, sie war noch aufgewühlt von dem Konzert. Ihre Gedanken drifteten zu dem Pianisten ab, der es geschafft hatte, ihr Blut seit Langem wieder einmal richtig in Wallung zu bringen, mit bloßer Musik …

Kapitel 1 – Nur geträumt

Der Klavierspieler saß nur wenige Meter von ihr entfernt. Er berührte die Tasten und spielte eine unhörbare Melodie, die ihren Weg direkt in ihr Herz fand. Sie stand wie gelähmt da, während ihr Herz pochte und sie ihn gebannt beobachtete. Seine Finger sahen weich aus und seine Augen mit den langen Wimpern waren halb geschlossen, das Gesicht vor Konzentration angespannt, aber nicht verbissen. Er sah aus wie ein Engel und er fesselte sie mit sanften Tönen, die nur ihr Herz erhörte. Sie wollte wie die Tasten sein, seine Berührungen spüren und ihm ins Gesicht schauen, jedes Detail in sich festhalten. Doch je näher sie an ihn heran lief, so kam es ihr vor, als ob er sich mehr von ihr entfernte. Die Musik wurde lauter, drängender, fast schon unausstehlich, während seine Umrisse immer weiter verschwanden …

Karen schreckte aus dem Schlaf auf. Der Wecker schrillte und Alexander wälzte sich neben ihr auf die andere Seite.

Es war sieben Uhr, höchste Zeit aufzustehen, doch an diesem Morgen blieb Karen verwirrt liegen, unfähig, sofort das Bett zu verlassen.

Alexander robbte an sie heran und nahm sie in den Arm, während er ihr ein verschlafenes „Guten Morgen“ ins Ohr raunte. Er war so niedlich, wenn er früh aufwachte und seine goldbraunen Haare nach allen Seiten von seinem Kopf abstanden. Karen kuschelte sich an seine breiten Schultern und wunderte sich, dass ihr der Pianist nicht mehr aus dem Kopf ging.

Sie hatte schon lange eine Vorliebe für Männer gehabt, die Klavier spielten. Es löste in ihr eine Welle der Emotionen aus und augenblicklich fühlte sie sich zu diesen Männern hingezogen. Seit sie mit Alex zusammen war, hatte sie auch kein Konzert eines Pianisten mehr besucht und dachte, diese Neigung bereits vergessen und abgeschaltet zu haben. Doch der Pianist verfolgte sie bis in ihre Träume, brachte sie durcheinander und verzauberte sie aufs Neue.

Andererseits hatte sie bei Alexander alles, was sie sich je gewünscht hatte. Sie konnten miteinander lachen und weinen, über ernste und interessante Dinge reden und immer wieder unternahmen sie kleine Ausflüge, lasen zusammen Bücher oder machten gemeinsam Sport. Auch er konnte sich für Musik begeistern. Während Karen fast ununterbrochen sang, sie bereute es, ihre Gesangsausbildung aus Zeitgründen aufgegeben zu haben, spielten sie beide Gitarre und er zeitweilen auch Geige. Doch seine Zärtlichkeit und Aufmerksamkeit konnten nicht verhindern, dass ihr noch immer ein kalter Schauer über den Rücken lief, wenn er zur Geige griff und den Bogen über die Saiten leierte. Sie musste sich jedes Mal anstrengen, nicht aus dem Raum zu rennen, das Geräusch dieses Instruments war ihr alles Andere als angenehm. Wieso, das konnte sie niemandem erklären.

Alex war fürsorglich und kümmerte sich gut um sie. Einmal im Jahr fuhren sie gemeinsam in den Urlaub und erkundeten neue Orte. Dabei waren sie oft sparsam, übernachteten im Zelt, anstatt in einem schönen Hotel. Sie hatte sich insgeheim gewünscht, dass er sie auch einmal richtig verwöhnen würde.

Da Karen noch immer keinen klaren Gedanken fassen konnte, stand diesmal Alex als Erster auf und schlurfte in die Küche. Auch Karen folgte ihm nach einer Weile, sie hatte sich über ihren Schlafanzug einen Morgenmantel angezogen. Eine große Tasse Kaffee erwartete sie dampfend auf dem Tisch, während Alex ihr ein Marmeladenbrot schmierte. Er musste erst später zur Arbeit als sie und an diesem Morgen genoss sie es, wie er sich um sie kümmerte. Das hatte er lange nicht mehr gemacht. Oft stand sie allein auf und frühstückte, bevor er überhaupt aus den Federn gekrochen kam, sodass sie ihn oftmals verabschiedete, wenn er das Schlafzimmer verließ.

Gemeinsam saßen sie auf den neuen Küchenstühlen, die sie sich vor einem Jahr hatten schenken lassen, es waren ergonomisch geformte, auf denen man ein wenig schaukelte. Während sie dankbar in das Marmeladenbrot biss, schaute er sie aufmerksam an, in der Hand einen großen Teepott, da er keinen Kaffee trank.

„Liebling, du siehst heute etwas durch den Wind aus.“, stellte er mit besorgtem Blick fest.

„Ach, ich habe nur komische Dinge geträumt. Ist nicht weiter schlimm. Mach dir keine Sorgen, es ist alles in Ordnung.“

Beruhigt widmete er sich seinem frisch aufgebrühten Heißgetränk und als sie fertig gefrühstückt hatte, suchte sich Karen ihre Sachen für die Arbeit heraus, eine hellblaue Bluse und einen Bleistiftrock, dazu ein Paar Ballerinas. Sie trug nicht so oft Absatzschuhe, da Alex ein Stückchen kleiner war als sie und es ihr nicht gefiel, wenn sie ihn noch weiter überragte.

Sie ging ins Bad, das Anziehen war bereits Routine, und putzte sich die Zähne. Alexander lehnte im Türrahmen und beobachtete sie, noch immer ein wenig schlaftrunken. Nachdem sie ein leichtes Make-Up aufgelegt hatte und ein Spritzer Parfüm die tägliche Routine abrundete, drückte sie Alexander einen leichten Kuss auf die Wange und verabschiedete sich. Die Tasche stand schon im Hausflur, abmarschbereit neben der Wohnungstür. Sie wünschten sich gegenseitig einen erfolgreichen Tag und Alex drückte ihr einen Kuss auf die Stirn, wie jeden Morgen. Als sie die Wohnung bereits verlassen hatte und der Fahrstuhl sich mit einem Klingeln öffnete, rief er ihr noch zum Abschied hinterher: „Ich habe dich lieb.“

„Ich dich auch.“ Dann schlossen sich die Türen und Karen fuhr nach unten. Auf dem Weg zur Straßenbahnhaltestelle fiel ihr ein, dass sie am Nachmittag allein im Büro war. Wenn nicht zu viele Aufgaben anstehen, dann könnte sie noch einmal nach dem geheimnisvollen Klavierspieler suchen. Bestimmt konnte das Internet in dieser Situation einige nützliche Informationen liefern. Karen redete sich ein, dass sie weniger an ihn denken würde, wenn sie mehr über ihn herausfand und ihre Neugier damit beruhigte.

Mit zielstrebigem Schritt lief sie zur Haltestelle. Sie würde die Identität des Pianisten ausfindig machen …

Kapitel 2 – Die immer lacht

Karen stieg in die Straßenbahn, die weißen Kopfhörer ins Handy eingestöpselt. Die nächsten fünfundzwanzig Minuten gehörten nur ihr, der Musik aus ihrer Bibliothek und der vorbei rauschenden Landschaft der Stadt. Prag war schon immer wie ihr Zuhause gewesen. Vor zehn Jahren hatte sie sich ihren Traum erfüllt und war in die Stadt gezogen. Nun teilte sie sich eine Wohnung mit Alexander etwas außerhalb, in der Nähe der Filmstudios von Barrandov.

Karen fühlte sich in dieser Stadt wohl, die Stadt lebte, sie fühlte sich weniger eingeengt und offener behandelt. An der Abendschule lernte sie regelmäßig tschechisch, sodass sie mittlerweile diese Sprache gut beherrschte. Doch auch bevor sie damit angefangen hatte, konnte sie sich mit Händen und Füßen irgendwie verständigen. Vor sieben Jahren, drei Jahre, nachdem sie sich ihre erste Wohnung mietete, entschied sie sich für den ersten Kurs, bei welchem sie auch Alexander kennenlernte. Aus der flüchtigen Bekanntschaft entwickelte sich eine Freundschaft, vor fünf Jahren gestand er ihr, dass er sich in sie verliebt hatte.

Wie immer um diese Uhrzeit war die Straßenbahn recht voll, sodass sie sich in den Gang stellte, sich an der Haltestange über ihrem Kopf festhielt und aus dem Fenster schaute. In ihrem Kopf hallte ihr eigenes kleines Konzert, Alexander hatte ihr neue Kopfhörer vor einem Jahr geschenkt, die einen Klang erzeugten als würde die Musik direkt im Kopf spielen.

Sie fuhren den Hang von Barrandov in Richtung Innenstadt herunter und ihr Blick schweifte über das Tal, wie die Moldau ruhig floss und auf der anderen Seite, dort wo sich die Altstadt befand, konnte sie schon die Ruderinsel und das Schwimmbad von Podolí entdecken. In ihren ersten Jahren ging sie dort oft schwimmen und anschließend in die Dampfkammer, auf dem Rückweg mit der Fähre über die Moldau stand sie auf der Ruderinsel und beobachtete die Boote. Als Karen klein war, ruderte sie selbst mit sehr guten Ergebnissen, später musste sie dieses Hobby aufgeben, da ihre Noten unter dem Leistungssport litten.

Vor drei Jahren entschied sie sich dann in einen der zahlreichen Ruderclubs einzutreten und zog nun selbst wieder zweimal in der Woche ihre Bahnen über die Moldau. Eigentlich unterschied es sich nicht vom Rudern auf der Elbe, wie sie es früher gewohnt war. Wahrscheinlich heißt es deshalb „Elberudern macht hart.“. Bei dieser Erinnerung musste Karen unwillkürlich lächeln.

Früh ließ sie ihre Gedanken schweifen und es kam auch schon vor, dass sie es verpasste auszusteigen, doch in den letzten Monaten passierte ihr dies nicht mehr.

Nach fünfundzwanzig Minuten Entspannung stieg sie aus der Bahn aus und steuerte auf ihren Arbeitsplatz zu: Ein Reisebüro auf der Kleinseite, unweit vom Nikolausdom. Ihre Chefin und langjährige Austauschpartnerin von der Abendschule hatte sie, nachdem sie ihr Sprachzertifikat auf B2-Basis erreicht hatte, eingestellt. Karen mochte diese Arbeit. Sie konnte ihre Fantasie in neue Urlaubsangebote einfließen lassen und wenn sie Kunden zufriedenstellen konnte, dann war auch sie zufrieden.

Lenka war bereits im Büro, die Kaffeemaschine brühte schon die erste Tasse auf. Die beiden Frauen begrüßten sich und gingen die Aufgaben für den Tag durch.

Karen sollte ein neues Programm für ausländische Studenten erarbeiten, wie sie ins Prager Stadtleben eingeführt werden sollten. Außerdem mussten die Kataloge aussortiert und die neu gelieferten in die Regale geordnet werden.

Im Sommer war nicht so großer Kundenbetrieb, erst gegen Ende August würden wieder etwas mehr Leute den Weg in das Reisebüro finden, wenn es um Winterurlaube oder den nächsten Sommerurlaub ging. Doch bis August waren noch zwei Monate Zeit.

Karen schaute aus der verglasten Fensterfront und fuhr den Computer hoch. Sie wollte so viel wie möglich schon bis zum Mittag schaffen. Danach würde sie Lenka ihr Ergebnisse präsentieren und ihre Chefin würde dann zu einer Messe fahren und die Firma präsentieren. Dann hatte sie Ladendienst. Alleine.

Ein Bild von Lanzarote begrüßte sie, als sie ihr Kennwort bestätigte. Den Terminkalender musste sie auch mal wieder aktualisieren, es häuften sich Zettel mit anstehenden Terminen auf ihrem Schreibtisch. Manchmal war sie eben auch wie die Sekretärin ihrer Chefin, da diese es nicht schaffte, an alles zu denken, zumal sie noch auf viele Messen fuhr und neue Geschäftspartner anwarb. Bald würde Karen sie damit unterstützen, wenn sie ihre nächste Fremdsprachenprüfung abgelegt hatte. Denn erst dann war sie offiziell wie eine Muttersprachlerin und Lenka wollte eine Bloßstellung in einem Gespräch mit möglichen Partnern vermeiden und auf Nummer sicher gehen. Sie wollte nur das Beste für Karen und gab ihr sogar einen Zuschuss, falls sie die Prüfung bestehen sollte.

Karen suchte aus dem Register alle registrierten Kataloge, die bereits abgelaufen waren und räumte sie aus den Regalen. Das wurde wieder eine große Fuhre Altpapier. Ein kleiner Zuschuss in die Trinkgeldkasse, die sie einmal im Jahr zusammen ausleerten.

Danach suchte sie die Kartons mit den neuen Katalogen aus dem Lager und registrierte diese, während Lenka die wenigen eintretenden Kunden bediente. Als wieder einmal zufriedene Kunden den Laden verließen, erkundigte sich Lenka: „Und, wie war dein Abend gestern? Hat er dich endlich gefragt?“

„Frag bloß nicht.“, gab Karen zur Antwort, währen sie weiter die Regale einräumte. „Er hat mich natürlich nicht gefragt.“

„Wieso denn das nicht? Ihr seid immerhin schon seit fünf Jahren zusammen!“

„Das wüsste ich auch gern, aber ich werde ihn nicht drängeln. Trotz allem hat er sich ein so schönes Programm ausgedacht.“

„Erzähl!“, forderte ihre Chefin sie auf endlich die Katze aus dem Sack zu lassen.

„Wir waren in einem dieser neuen teuren Fischrestaurants und es war bombastisch. Weißer Wein und ein stilvoll eingerichtetes Lokal mit schicken Kellnern und schneller Bedienung. Danach waren wir im Karolinum zu einem Klavierkonzert, es war einfach herrlich!“, Karen kam aus dem Schwärmen nicht mehr heraus und auch Lenka war Karens Vorliebe für Klaviermusik nicht neu. Nachdem sie alles genau analysiert hatten, kümmerte sich jede wieder um ihre Angelegenheiten. Gegen zehn Uhr beendete Karen ihre Einräumaktion mit einem erschöpften Seufzer, sie musste immer wieder die Regale auswischen, vor allem die obersten Reihen waren komplett verstaubt.

Nach der Mittagspause, sie ließen sich Essen aus einer Kantine ins Büro liefern, verabschiedete sich Lenka von ihrer Freundin und übergab ihr die noch zu erledigenden Aufgaben. Karen machte sich voller Eifer ans Werk.

Nach drei Stunden war sie auch damit fertig. Zwischendurch wurde sie von einigen wenigen Kunden unterbrochen, doch sie durfte ihre Ungeduld nicht zeigen. Sie war die Ansprechpartnerin für alle, die sich informieren oder eine Reise buchen wollten, sie war die, die immer freundlich war und allen Kunden ein Lächeln schenkte und ihre Wünsche anhörte und umsetzte.

Eine Stunde vor Ladenschluss hatte sie endlich Zeit sich mit dem ominösen Klavierspieler zu befassen. Sie öffnete erst die Seite der Veranstaltung vom Vorabend und erfuhr seinen Namen: Roman Klingenbaum. Das war er also!

Sie suchte alle möglichen Seiten nach diesem Mann ab, fand jedoch nur wenige Einräge, meist waren es andere Konzertveranstaltungen, doch nie waren persönliche Informationen zu finden. Sorgsam notierte sie sich alles, was sie über diesen Mann fand, das war nicht viel. Wie konnte es sein, dass ein Musiker keine Informationen im Internet preisgab? Es war für Karen fast unvorstellbar. Doch damit war ihr Ehrgeiz geweckt, denn mit solch wenigen Informationen würde sie sich nicht zufrieden geben.

Nach dem Feierabend schloss sie alle Räume sorgfältig ab und verstaute den Zettel in ihrer persönlichen Schublade, die sie vorsorglich abschloss. Nachdem auch die Ladentür verriegelt war, lief sie zurück zur Haltestelle. Die Luft war warm und kündigte die heißen Sommertage an. Es tummelten sich schon relativ viele Touristen auf der Karlsbrücke, doch noch war keine Hochsaison. Nach wenigen Minuten kam die Bahn. Karen genoss es, dass sie nie lange auf einen Anschluss warten musste und selbst in der Nacht schnell und zuverlässig aus der Stadt nach Hause kam. Ein weiterer Vorteil gegenüber der Kleinstadt in Mitteldeutschland, wo sie mit dem Bus nur bis zehn Uhr zurück kam.

Karen stieg zwei Stationen eher aus und ging schnell noch zu einem der vielen Supermärkte. Von dort bis zu ihrer Wohnung war es nicht weit, deshalb musste sie die schweren Tüten nicht so lang schleppen.

Sie öffnete die Tür und sah bereits Alexander, wie er das Abendbrot vorbereitete. Er stellte den kleinen Tisch aus der Stube auf den Balkon und deckte ihn ein, während Karen ihr Kostüm gegen bequeme Jogginghosen tauschte. Auch wenn sie gern solche Kostüme trug, gegen ein Paar gemütliche Hosen hatte sie nichts einzuwenden und gesellte sich zu Alex auf den kleinen Balkon, von wo sie einen Blick auf die Siedlung hatten. So konnte ein gemütlicher Feierabend beginnen …

Kapitel 3 – Abendstille überall

Nach dem Abendbrot blieben Karen und Alexander noch eine Weile auf dem Balkon sitzen und beobachteten das Farbenspiel der untergehenden Sonne. Als die letzten Strahlen schwächer wurden, räumten sie gemeinsam ab, Alexander wusch das Geschirr ab und Karen räumte es nach dem Abtrocknen ein. Verteilte Rollen, wie in vielen Aspekten ihres Zusammenlebens.

Nebenbei unterhielten sie sich darüber, wie ihr Tag verlaufen war. Das Detail über die Nachforschungen und den Namen des Pianisten verschwieg ihm Karen lieber.

Alexander arbeitete in einer IT-Firma und konnte teilweise seine Aufgaben von Zuhause aus erledigen. Manchmal fuhr er auch zu Kundengesprächen. An sich war er sehr technikbegeistert, leider konnte er sehr schlecht Nein sagen, sodass sich immer wieder alte Rechner in der Wohnung stapelten, die er versuchte aufzumöbeln und sie dann zu verkaufen. Diese Staubfänger waren Karen ein Dorn im Auge, am liebsten würde sie sie jedes Mal aufs Neue aus dem Fenster werfen.

Anfangs hörte sie ihm noch aufmerksam zu, während er ihr Details seiner Arbeit erzählte oder sie versuchte aufzuklären, welche Technik sie wie nutzen sollte, weil sie es in seinen Augen falsch machte, stellte manchmal Nachfragen oder ließ sich eine bestimmte Vorgehensweise genauer erläutern. Mittlerweile versuchte sie dies auf ein Minimum zu reduzieren, es interessierte sie persönlich nicht so sehr und deshalb nahm sie auch in Kauf, dass sie einmal einen Fehler in irgendeinem Programm machte. Sie kam mit den alltäglichen Dingen zurecht und das reichte ihr vollkommen.

Auch während des Gesprächs schweiften ihre Gedanken immer wieder ab. Als Alex sich erkundigte, ob sie noch mit ihm einen Film schauen wollte, lehnte sie, mit der Begründung, müde zu sein und am nächsten Tag wieder zeitig auf Arbeit zu müssen, ab.

Sie ging ins Bad, wo sie sich genüsslich den Dreck des Tages vom Körper wusch. Manchmal nahm sie auch ein Bad, aber das konnten sie sich nicht jeden Tag leisten, das wurde auf Dauer zu teuer.

Früher waren sie noch zusammen in die Dusche gesprungen, während sie ihre nackten Körper unter den Wasserstrahlen bewunderten und immer wieder miteinander scherzten.

Ebenso badeten sie früher öfter zusammen, doch Karen genoss es ebenso, wenn sie in sich richtig lang machen konnte, ohne von Alexanders Körper an den Rand gedrückt zu werden.

Sie stellte nach einer Weile den warmen Strahl auf kalt um, das hatte sie vor einer Weile für sich entdeckt, sie fühlte sich danach frischer.

In ein Handtuch gehüllt, stand sie vor dem Spiegelschrank und putzte sich die Zähne, hörte, wie Alexander einen Film startete. Bestimmt lümmelte er wieder auf der Couch, während er auf den riesigen Monitor des Computers starrte.

Nachdem sie ihr Gesicht mit Sheabutter verwöhnt hatte, schlich sie durch den Flur ins Wohnzimmer, wo Alex wie schon vermutet auf der Couch saß. Als er sie sah, elfengleich und nur ins Handtuch gewickelt, entwich ihm ein bewunderter Pfiff durch die Schneidezähne. Der Film wurde gestoppt, jetzt konnte er sich an ihr satt sehen. Ein kleines Lächeln huschte über Karens Gesicht während sie näher auf ihn zu kam und er ein wenig zur Seite rückte um ihr auf dem Sofa Platz zu machen. Sie setzte sich und in der Bewegung rutschte ihr das Handtuch ein wenig nach unten, doch Alex ließ ihr keine Zeit es gerade zu rücken, sondern fasste den Rand des Handtuchs vorsichtig, zog sie zu sich heran und übersähte ihre Hals mit Küssen. Endlich hatte sie seine Aufmerksamkeit wieder auf sich gerichtet, er streichelte über ihren Körper und schob sich über sie, während er sie stürmisch küsste. Nach einer Weile, Karens Atmung ging ein wenig schneller, brach er ab und sah sie an: „Tut mir leid, ich wollte dich nicht vom Schlafengehen abhalten.“

Er setzte sich auf und glaubte ihrem „Nein, ist schon in Ordnung.“ nicht, sondern schob sie vorsichtig ins Schlafzimmer, wo er sie vom Handtuch ganz erlöste und ihr den Schlafanzug über den Kopf zog. Damit war die abendliche Stimmung verflogen und nachdem er ihr mit einem Kuss auf die Stirn eine gute Nacht gewünscht hatte, schlurfte er zurück in die Stube, um den Film weiter zu sehen.

Karen legte sich mit einem enttäuschten Seufzen ins Bett. Eigentlich wollte sie ihn mal wieder aus der Reserve locken, ihr Liebesleben hatte in der letzten Zeit eine Dämpfung erhalten. Woran das lag, konnte sie sich nicht erklären, von einem Tag auf den anderen schlich es sich ein und nistete nun in ihrer Wohnung, wie ein ungebetener, hartnäckiger Gast.

Karen war nie eine Draufgängerin gewesen, hatte stets auf den Richtigen gewartet. Alexander hatte sie zu einer Frau gemacht und mit ihm entdeckte sie viel Neues und fand an vielen Dingen Gefallen.

Nur, dass er in letzter Zeit nicht mehr auf ihre Anspielungen ansprang und sie war sich nicht sicher, woran das lag. Wenn sie das Gespräch auf diesen Punkt lenken wollte, dann wich er aus und verschob das Gespräch darüber auf einen unbekannten Zeitpunkt.

Karen hüllte sich in ihre Decke ein. Durch das halb geöffnete Fenster klangen die Geräusche der Stadt. Eine Großstadt schläft nie, aber trotz allem empfand Karen die nächtlichen Geräusche als Stille und Musik in ihren Ohren: Wenn eine Straßenbahn vorbei ratterte oder die Sirenen der Polizei oder Krankenwagen erklangen. Gedämpft hörte sie auch einige Geräusch des Films, den Alexander im Wohnzimmer schaute.

Im Zimmer war es fast dunkel, sie zogen vor dem Schlafen die Jalousien zu. Karen starrte an die Decke und dachte nach. Gern wäre sie in diesem Moment mit Alex intim geworden, doch aus unerklärlichen Gründen, wenn er sich schon einmal zu solch einer seltenen Tat bewegen lassen konnte, brach er vorher ab. Als ob sie ihn nicht mehr erregen konnte, als ob sie nicht mehr schön genug war.

Karen war eine normale Frau, relativ groß, aber schlank. Sie hatte einige persönliche Problemzonen, war aber durch das regelmäßige Training wieder etwas fitter und ihr halblangen dunklen Haare waren immer ordentlich frisiert. Sie legte viel Wert auf Hygiene und bei gegebenen Anlässen schminkte sie sich gern auch etwas mehr. Sie liebte es, sich für besondere Veranstaltungen schick zu machen und trug ihren Stil mit Selbstsicherheit und Eleganz.

Eingehüllt von der Musik der Großstadtgeräusche schlief Karen irgendwann ein und merkte nicht mehr, wie sich Alex neben sie legte, sie eine Weile beobachtete und über ihr Gesicht streichelte, ehe auch er sich auf seine Seite rollte und einschlief …

Kapitel 4 – Und es hat ZOOM gemacht

Am nächsten Morgen stand Karen allein auf, Alexander schlief so fest, dass er sogar den Wecker überhörte. Karen konnte das nicht. Selbst wenn sie fest schlief, sie wachte bei jedem Weckerklingeln auf.

Nachdem sie das Teewasser aufgesetzt hatte, zog sie sich im Bad an. Außerdem nahm sie sich eine Banane und ein Hörnchen, das sie am Vortag gekauft hatte. Danach beeilte sie sich zur Bahn, denn Lenka hatte ihr noch spät am Abend geschrieben, dass sie doch bitte etwas eher ins Büro kommen sollte. Also fuhr sie eine halbe Stunde eher, das Hörnchen aß sie sie auf dem Weg zur Haltestelle zu Ende.

In den letzten Wochen vor ihrem Jahrestag mit Alexander hatte sie viel zu tun. Lenka hatte den Auftrag einer Musikagentur erhalten, Konzertsäle für einen Künstler zu organisieren und die Zusammenarbeit mit der Agentur zu vermitteln.

In letzter Zeit wendeten sich immer öfter Agenturen an Lenka, mit der Bitte, geeignete Konzertsäle ausfindig zu machen und Kooperationen mit den Agenturen zu vermitteln. Oft hatten diese Agenturen selbst keine Vermittlerkapazitäten, sodass sie mit der Zeit Kataloge für jede Agentur zusammenstellten, mit Vorschlägen und Kontaktdaten. Diese Lokalitäten wurden dann für einen der in der Agentur angestellten Künstler ausgewählt und die Rahmenbedingungen für Konzerte vereinbart, doch diesen Schritt bekamen Karen und Lenka nicht mehr mit. Sie hatten selbst genügend andere Arbeiten zu erledigen.

Besonders Lenka war oft auf der Suche nach neuen Geschäftspartnern, sodass Karen den Auftrag übernommen hatte, Konzertsäle in der Umgebung zu empfehlen und freie Termine für die Agenturen zu reservieren. Deshalb war sie viel in Prag und der Umgebung herumgereist, hatte Säle und Hallen besichtigt und entsprechende Dokumente aufgesetzt und an ihre Chefin gegeben, welche diese dann weiterleitete. Welcher Künstler dann welchen der Termine in Anspruch nahm, war Sache der Veranstalter und der Agenturen, deshalb lernte Karen die Künstler nie persönlich kennen.

Als sie am Büro ankam, waren die Türen schon geöffnet und eine Tasse Kaffee stand auf ihrem Schreibtisch, Lenka stellte Blumen auf ihren Schreibtisch, was bei ihr eher selten vorkam, obwohl sie sehr viele Verehrer hatte. Bei ihr hielt keine Beziehung länger als drei Monate, aber sie war auch nie böse darüber. „Du kennst nicht dein ganzes Leben lang nur eine Sorte Fleisch essen, irgendwann schmeckt dir das dann nicht mehr.“, pflegte sie regelmäßig zu sagen.

„Na du, wen hast du gestern glücklich gemacht, dass du heute Blumen auf dem Tisch stehen hast?“, fragte Karen schmunzelnd. Auch Lenka hatte gute Laune, immerhin hielt sie Karen über ihre Männergeschichten immer auf dem neusten Stand.

„Diesmal, meine Gute, habe ich mir das selbst gekauft.“

„Wieso denn das? Ich denke, du stellst nur Blumen hin, wenn du sie geschenkt bekommst?“

„Ich wollte unser Büro ein wenig mehr nach Sommer aussehen lassen und außerdem bekommen wir gleich Besuch.“, verriet sie mit einem Grinsen.

Na klar, das war ja nichts neues, dachte sich Karen. Immerhin kamen jeden Tag Kunden zu Besuch in den Laden. Sie nahm noch einen Schluck Kaffee, und just in diesem Moment trat ER durch die geöffnete Ladentür, sodass sie vor Schreck ihren Kaffee auf die Bluse verschüttete.

„Guten Morgen.“, grüßte der Pianist mit tiefer melodischer Stimme.

„Guten Morgen.“, grüßte Lenka zurück, während Karen bemüht war, den Kaffeefleck unter ihrem Blazer zu verstecken. Ein wenig davon schaute jedoch darunter hervor. „Darf ich Ihnen jemanden vorstellen? Das ist meine Mitarbeiterin Karen und sie hat Konzerte für Ihre Agentur in den letzten Monaten geplant.“

„Hallo Karen, schön Sie kennenzulernen.“, der Pianist wandte sich nun mit einem Lächeln an sie und streckte auch ihr seine Hand entgegen.

„H-H-Hallo.“, stotterte Karen verwirrt. Er war hier in ihrem Büro und nun wusste er, wer für die Durchführung seiner Tournee in den letzten Monaten verantwortlich war. Und sie stotterte wie ein kleines Kind. Ein kleines Kind mit Kaffeefleck auf der Bluse. Peinlich. Am liebsten wäre sie im Boden versunken, doch sie schenkte ihm ein schiefes Lächeln.

Lenka hatte ihr nie erzählt, für wen sie da eigentlich Kooperationsverträge aushandelte, aber dass es sich um DEN Pianisten persönlich handelte, machte sie gleich noch viel nervöser. Sie hatte aber auch nie danach gefragt, sondern brav ihre Aufgaben ausgeführt. Es war auch typisch für Lenka, dass sie ihre Kontakte spielen ließ und trotz Verschwiegenheitspflicht der Agenturen herausfand, wer von ihrer Arbeit profitierte. Dann hielt sie oft nicht damit hinterm Busch und sprach die Leute direkt darauf an, wie auch immer sie es jedes Mal schaffte, Kontakt zu den verschiedensten Künstlern aufzunehmen. Doch das war Lenka und sie verstand sich sehr gut darin, ihre eigenen Vorzüge auszunutzen.

„Ach, das war unhöflich von mir, ich sollte mich Ihnen vorstellen. Mein Name ist Klingenbaum. Roman Klingenbaum. Da du meine Organisatorin warst, kannst du mich ruhig Roman nennen.“

Das „Ich weiß“ konnte sie sich gerade noch verkneifen. Sie war überrascht über seine Leichtigkeit, wie er sie bedenkenlos duzte.

„Klingenbaum? Warum Klingenbaum? Das ist doch kein tschechischer Name.“, stellte Karen fest. Und immerhin sprach er fließend tschechisch.

„Mein Großvater war Deutscher, er hat eine Tschechin geheiratet.“, erklärte ihr. Allein schon seine weiche Stimme jagte ihr eine Gänsehaut über den Rücken, so melodisch klang sie. Ein feines Parfüm umgab ihn, ein leichter männlicher Geruch ging von ihm aus, nicht zu süß, genau so wie Karen es mochte. Reiß dich zusammen, mahnte sie sich.

„Lenka, ich bin hergekommen, weil ich mit der Organisation der Touren sehr zufrieden war und im nächsten Jahr würde ich das gern wiederholen. Vielleicht auch mit einigen Terminen im Ausland. Hättet ihr Lust, so als Team von Tour&Event wieder an meiner Seite zu sein?“

„Das solltest du lieber gleich Karen fragen, sie hat diese Arbeit abgeliefert und wenn es ihr so gut gelungen ist, dann würde ich sie gern wieder damit betrauen.“

„Karen, hättest du Lust dieses unwiderstehliche Angebot anzunehmen?“, versuchte er zu scherzen.

„J-J-Ja, sehr gern.“, antwortete sie, noch immer perplex, dass sie DEM Pianisten, dessen Tournee sie geplant hatte und nie persönlich mit ihm in Kontakt getreten war, weiter zur Hand gehen sollte.

„Super. Ich habe leider auch nicht zu viel Zeit, ich muss noch ins Tonstudio und weiter an meiner CD arbeiten. Vielen Dank Mädels und Karen, auf eine gute Zusammenarbeit!“

Er drückte ihr eine Visitenkarte in die Hand und nach einem gestotterten „D-D-Danke“ von Karen rauschte er wieder heraus auf die Straße, wo er zwischen den Touristen aus Karens Blickfeld verschwand.

„Tschüss.“, trompetete Lenka in ihrem Gute-Laune-Singsang hinterher und drehte sich dann zu ihrer Freundin um. „Mein Gott Karen, was war denn das gerade? Du hast ja gestottert! Ich wusste gar nicht, dass du so unsicher sein kannst!“

„Das war ER, ich war auf seinem Konzert. Vorgestern. Mit Alexander.“

„Und?“

„Er war unglaublich und ich mache mich hier zum Deppen, weil ich mir den Kaffee auf die Bluse kippe und mich aufführe wie ein Fohlen, dass das erste Mal alleine aufsteht.“, dieser Vergleich war ihr offenbar gelungen, denn Lenka musste herzhaft lachen und warf ihre blonden Haare schwungvoll zurück.

„Jetzt mach dir deswegen mal keine Gedanken. ER freut sich auf gute Zusammenarbeit und schien sich überhaupt nicht über den Fleck lustig zu machen. Vielleicht hat er ihn gar nicht gesehen. Weißt doch, das sind Männer, denen fällt so etwas gar nicht so schnell auf.“, sie zog verschwörerisch die eine Augenbraue nach oben.

„Vielleicht hast du Recht.“, stimmte Karen ihrer Freundin zu.

Der Rest des Tages verlief wie im Flug. Die Visitenkarte hatte Karen in ihre Handtasche gesteckt. Dort stand sein Name und seine Telefonnummer drauf. Aber dort würde sie sowieso nicht anrufen, die Agentur schickt ihr wieder Terminvorschläge und Wünsche für Städte, in denen Konzerte stattfinden könnten und dann kann sie sich ihrer Aufgabe, dem Planen, zuwenden, ohne in weiteren Kontakt mit ihm treten zu müssen. Immerhin hatte er bestimmt viele Fans, die er mit seinem Klavierspiel um den Finger wickeln könnte. Und sie hatte Alexander. Auch wenn zwischen ihnen gerade Flaute herrschte, fünf Jahre wollte sie nicht so schnell wegschmeißen. Dafür hatten sie zusammen zu viel erlebt.

Nach Ladenschluss fuhr Karen noch zum Training. Sie musste ihre Gedanken ordnen und fuhr mit einem Einer hinaus auf den friedlich vor sich hin fließenden Fluss. Die Sonne wurde langsam von grauen Wolken verdeckt, ein leichter Wind kam auf. Während sie so ihre Bahnen zog, flussaufwärts und wieder -abwärts erinnerte sie sich, wie sie sich mit Alexander kennengelernt hatten.

Damals war er zeitweise als Aushilfe in der Abendschule, da er die neuen Computer in Betrieb nahm, einrichtete und das Netzwerk der Schule aufbaute. Eines Abends kam er auch in den Raum, in welchem ihr Kurs stattfand.

Immer wieder beobachtete Karen ihn und wenn er ihren Blick bemerkte, lächelte er ihr zu. Nach der Stunde hielt er sie am Arm zurück mit den Worten, wenn sie schon nicht die Augen von ihm lassen könne, dann solle sie sich von ihm auf einen Kaffee einladen lassen. Also verabredeten sie sich, doch Karen dachte am Anfang nicht daran, dass sie jemals ein Paar werden könnten.

Sie fand ihn sympathisch und lustig war er auch. Sie konnte mit ihm über alles reden und er ging mit ihr sogar zum Shoppen in eines der vielen Einkaufshäuser. Die Stunden mit Alex waren immer unbeschwert und Karen fühlte sich in seiner Anwesenheit wohl. Oft trafen sie sich abends, als der Kurs bereits zu Ende war, und spazierten durch die Stadt. Samstags verabredeten sie sich zum Feiern in eine Diskothek oder er zeigte ihr ein paar versteckte Plätze in Prag. So lernte sie die Stadt noch besser kennen, vor allem die versteckten Gärten mitten im Zentrum.

In einem dieser Gärten, er war in der Altstadt, trafen sie sich auch an jenem Tag vor fünf Jahren. Karen trug ein hellblaues Sommerkleid, denn es war ziemlich warm. Sie setzten sich nebeneinander auf eine der Bänke im Schatten. Da es schon dämmerte, waren nicht mehr viele Leute um sie herum. Ohne Vorwarnung zog Alex eine Flasche Sekt aus seinem Rucksack und öffnete diese. Auf ihre Frage, was es denn zu feiern gäbe, schaute er sie lange an und flüsterte, dass er sich in sie verliebt hatte. Sie konnte nicht mehr widerstehen und küsste ihn vorsichtig. Zum ersten Mal. Es hatte bei ihr schon eher ZOOM gemacht, damals, als sie im Mai zu ihm nach Hause rannten, weil es regnete und sie sich bei ihm aufwärmte, bevor sie nach Hause fuhr. Er holte seine Gitarre hervor und klimperte ein sehr schönes Lied, während sie auf seinem Sofa saß, eingewickelt in eines seiner Handtücher und mit einer großen Tasse Tee in der Hand. In diesem Moment war es, als sähe sie ihn mit anderen Augen. Karen hatte sich jedoch nie getraut ihm das zu sagen, sie wollte ihre Freundschaft nicht aufs Spiel setzen.

An diesem Tag war sie so glücklich, als er ihr offenbarte, das Selbe zu fühlen. Gemeinsam tranken sie den Sekt aus der Flasche und spazierten später an der Moldau entlang, bis nach Podolí. Die Sonne ging bereits unter und in der Hälfte des Weges traute sie sich, ihn bei der Hand zu nehmen. Damals fühlte es sich an, als würde ein Strom von seiner Hand durch ihren Arm gehen.

Aus den dunklen Wolken fielen die ersten Tropfen, doch das machte Karen nichts aus. Sie liebte den Regen im Sommer. Den Einer steuerte sie zurück zum Bootshaus, wo sie anlegte und nach dem Training nach Hause lief, nicht die Bahn nahm, um den ersten lauen Sommerregen in vollen Zügen zu genießen. Wenn die Straßen vom Staub befreit waren, dann roch es selbst in der Stadt frisch. Karen tanzte fröhlich über den Fußweg, der zu ihrem Wohnhaus führte. Nein, sie würde diesen Klingenbaum nicht anrufen, sie wollte lieber ihre Beziehung zu Alexander wieder in Schwung bringen.

Doch ein kleiner Teufel in ihrem Ohr flüsterte ununterbrochen ruf ihn an

Der Totengräber

Autor: Sebastian Dobitsch
Webseite: www.sebastiandobitsch.de

„Musste es denn so enden?“, dachte sich Yuri bekümmert und stieß den Spaten ins feuchte Erdreich. „Hätte es denn keine andere Möglichkeit gegeben?“ Vermutlich schon, doch die Realität war gegenüber jedes Wunsches erhaben. Das Schicksal hatte ihn mit seiner trüben Hinterlist an diesen Ort geführt, einen Punkt, von dem es kein Entkommen mehr gab.

Tiefe Nacht lag über dem finsteren Waldfriedhof, nur eine Petroleumlampe warf ihren unbeständigen Schein. Jedes Mal wenn Yuri den Spaten in das aufgewühlte Erdreich grub verzerrte sich sein Schatten bis zur Unkenntlichkeit. Ein alter Mann hatte Yuri einmal gesagt, dass die Schatten die wahre Identität eines Menschen preisgeben. Er selbst konnte nur hoffen, dass es nicht der Wahrheit entsprach, ansonsten hieße es, dass er ein grässliches Monster sei.

„Bist du das denn nicht auch?“, tönte eine Stimme in seinem Inneren, der Yuri nicht lauschen wollte. „Sieh nur, was du getan hast!“ Widerwillig drehte er den Kopf und betrachtete den dort liegenden Leichnam. „Dieses Herz hat einmal geschlagen Yuri!“, hörte er den vorwurfsvollen Klang der Stimme und er wandte schnell den Blick ab.

„Ich will das nicht sehen“, hauchte er erschöpft, doch ließ ihn das tückische Flüstern in seinem Kopf nicht allein.

„Du kannst es nicht ignorieren. Du weißt, dass du schuld bist. Dein Zorn hat dich zum Totengräber gemacht.“

„Nein!“, schrie Yuri heftig und warf die Schaufel in den feuchten Morast. „Es war doch keine Absicht!“ Eine Weile kehrte Stille ein, nur das Prasseln des Regens war zu hören.

„Und dennoch ist er tot.“ Schluchzend ging Yuri in die Knie, die Hände gegen das Gesicht gepresst.

„Mörder!“, hallte es in seinen Ohren. Panisch versuchte er die Worte zu verdrängen, doch wisperten sie aus dem Tiefsten seines Inneren selbst. Dass es so kam hatte er nie gewollt und doch klebte nun Blut an seinen Händen. Mit bitteren Tränen hob er die schmutzstarrende Schaufel wieder auf und führte sein trauriges Werk fort.

„Grabe tief Yuri. So tief du kannst, doch deine Schuld lässt sich nicht begraben.“

„Halt deinen Mund!“, brüllte er in verzweifeltem Ton. Nichts konnte das bösartige Flüstern zum Schweigen bringen.

„Hast du ihn dir schon einmal angesehen? Die Leere in seinen Augen betrachtet?“ Schluchzend wandte Yuri den Kopf und musterte den reglosen Leichnam, der verkrümmt auf der feuchten Erde lag. Der Tote war in ein Tuch gewickelt, das durch den heftigen Regen bereits von seiner blassen Haut gerutscht war. Yuri kniete sich auf den Boden und wickelte den Leichnam behutsam wieder ein. „Glaubst du wirklich, dass er noch friert? Fass seine Haut an! Fühl wie kalt und leblos sie ist!“ Kopfschüttelnd verdrängte Yuri die anprangernde Stimme und blickte dem Toten ins Gesicht. Es war, als sehe er in einen trüben Spiegel. Er selbst schien in diesem Tuch zu liegen, die Haut blass und von tiefblauen Adern durchzogen.

„Mein Bruder“, keuchte er unsicher und strich eine wilde Haarsträhne von seiner Stirn. Er hatte seinen eigenen Zwillingsbruder ermordet, wie konnte er sich das nur verzeihen? Ein heftiges Schluchzen beutelte seinen Körper, doch flossen keine Tränen mehr über seine Wangen.

„Verzeih mir!“, klagte er bittend und presste den Leichnam gegen seine Brust. Obwohl er wusste, dass sein Bruder tot war, erschrak er über die Kälte, die der einst so lebendige Körper ausstrahlte.

„Denkst du wirklich, er verzeiht dir? Dein Zorn hat ihn niedergestreckt und nun wirfst du ihn in ein Loch, damit er verrotten kann. Soll er dir wirklich verzeihen?“ Mit einem verzweifelten Seufzer löste Yuri die Umklammerung. Das war zu viel für ihn. Die Schuld lastete erdrückend schwer auf seinen Schultern und die ewig murmelnden Stimmen brachten ihn gar um den Verstand. Hastig drehte er sich um und begann zu laufen. Er wollte nur noch fort von diesem Ort, seine Untaten hinter sich zurücklassen. Er hatte kaum ein paar Meter hinter sich gebracht, als eine Stimme nach ihm rief.

„Yuri warte!“ Wie angewurzelt blieb er stehen. „Warum lässt du mich zurück?“ Diese Stimme war Yuri so vertraut und doch jagte es ihm einen eisigen Schauer über den Rücken sie an diesem Ort zu hören. Unsicher drehte er sich um, ehe das Blut in seinen Adern gefror. Mit Schrecken stellte er fest, dass sich der Leichnam aufgesetzt hatte und ihn mit vorwurfsvollem Blick ansah.

„Nein, das kann nicht sein, du bist tot! Das ist alles nicht real!“
„Vielleicht. Mein Tod ist aber real. Flieh ruhig vor deiner Verantwortung, doch Frieden wirst du niemals finden!“

„Ich lasse dich nicht zurück. Bitte, es tut mir leid!“ Mit flehenden Händen trat Yuri näher, doch konnte er keine Gnade in den toten Augen seines Bruders erkennen.

„Du hast mich getötet. Deinen eigenen Bruder. Warum warst du nur so voller Zorn?“

„Ich weiß es nicht!“, klagte Yuri schuldbewusst und verbarg sein Gesicht. „Bitte, hasse mich nicht!“ Stille kehrte ein und er wagte es kaum seine geschlossenen Augen zu öffnen. Vorsichtig blickte er zwischen den Fingern hindurch. Dort lag der Leichnam seines Bruders wieder so reglos wie zuvor.

„Es wird Zeit es zu beenden!“, murmelte Yuri voller Scham und packte den Leichnam an den Füßen. „Ich hoffe, du kannst mir eines Tages verzeihen.“ Er zog seinen Bruder in das tiefe Loch. Ein dumpfer Schlag erklang und der Körper traf auf dem Boden auf.

„Ist das alles?“, meldete sich wieder das scharfe Wispern in seinem Kopf. „So willst du deine Sünde wieder gut machen? Eine kurze Ansprache und danach überlässt du deinen Bruder den Aasfressern im Erdreich?“ Ein Tiefes Schluchzen ergriff Yuris Körper, bevor er sich schlagartig aufbäumte.

„Nein. Das wird meine letzte Sünde sein. Ich muss eine Schuld zurückzahlen! Dieses Loch war nie für nur einen Menschen gedacht!“ Mit ruhiger Bewegung zog Yuri einen alten Revolver aus der Jacke und steckte sich das metallene Ende in den Mund.

„Verzeih mir Bruder!“

Ein Schuss erklang im dunklen Wald. Vögel flogen aufgeschreckt durch die Luft und ein erschlaffter Körper fiel in sein selbstgeschaufeltes Grab.

Stille kehrte ein und jegliches Wispern war verklungen.

Mein Wahnsinn – Die Ketten der Schlange

Autor: Martin Länger

Die Schuhsohlen von Gwyn klopften auf den verzierten Steinboden als er sich kurze Zeit später vor der Kathedrale, in der Mitte des Friedhofes, wiederfand. Hmm…“, grübelte er vor sich hin, während er die große Pforte betrachtete, die am Ende der Stufen wartete. Plötzlich sah er ein kleines Licht am Fenster aufflackern.

Hm? Arbeitet um die Uhrzeit noch jemand hier?“, es dauerte nicht lange und seine Kuriosität war geweckt. Diese wurde durch seinen angeheiterten Zustand nur ermutigt.

Warum eigentlich nicht? Ich bin auch lieber hier als an meinem Schreibtisch.“, flüsterte er sich mit einem entschlossenem Nicken zu. Beim Besteigen der Treppe hallte der Klang seiner Sohlen durch die einsame Nacht. Auf der letzten Stufe angekommen, bewunderte er die eiserne Pforte, vor der er stand. Verzweigtes Geäst, gespickt mit Dornen, ragte über der massiven Tür. Die riesigen Griffe in der Mitte waren schon so stark eingerostet, dass sie kaum noch Ähnlichkeit mit dem Rest des Einganges besaßen. Fasziniert von dem ungewöhnlichem Design, fing er an, mit seinem Finger über die Oberfläche zu streichen. Er bemerkte zwei ziemlich ausgefallene Türklopfer, deren Köpfe denen von Reptilien glichen. Die Griffe schienen lange Zungen darzustellen. Doch bevor er auch nur darüber fantasieren konnte, was dies wohl zu bedeuten hatte, zog er an einem und lies den Klopfer gegen die Tür fallen. Zu seiner Verwunderung, öffnete sich sogleich das gesamte Tor ohne weiteren Aufwand. Ein lautes Quietschen und Knarren ertönte und gewährte ihm schließlich einen Blick in das Innere des Gebäudes.

Leicht beunruhigt, betrat er vorsichtig das alte Gemäuer. Hallo?! Ist da Jemand?“ rief er zaghaft hinein. „Normalerweise würde ich mich darüber lustig machen, wenn hier jemand einfach so hereinspazieren würde, aber wenn man selbst vor der Wahl steht, ist es einfach zu verlockend.“, dachte er sich mit einem vor Freude strahlendem Grinsen, während er mit dem Zeigefinger an seiner Nasenspitze rieb und behutsam seine Entdeckungsreise begann. Er ging aufgeregt durch den Eingangsbereich, bei dem Gedanken, dass er eigentlich nicht hier sein sollte.

Kurz darauf betrat er die große Halle. Vor ihm bauten sich einige Holzbänke auf, die durch die angezündeten Kerzen, aus den Vorräumen der Seitengängen, in ein sanftes, warmes Licht getaucht waren. Steinerne Rundbögen und Statuen gehörten ebenfalls zur Einrichtung. Der rote Teppich in der Mitte des Ganges führte zu einer Art Altar. Gwyn folgte diesem Pfad. Er war noch immer aufgeregt, obwohl er nichts ungewöhnliches oder abnormales bemerkte. Im Gegenteil: Ein familiäres Gefühl machte sich in ihm breit. Im Vorbeigehen strich er mit seiner linken Hand über die Bänke. Kurz darauf hielt er sich beide Hände trichterförmig vor den Mund: „Hallo?! Das Tor war bereits offen. Ich hoffe, es stört Sie nicht, dass ich selbst einen kurzen Besuch abstatte. Ich wollte nur Bescheid geben, dass das Schloss eventuell ausgewechselt werden sollte.“.

Das ist jedenfalls der einzige Grund, bei dem ich mich traue ihn zuzugeben.“, ging es ihm durch den Kopf. Doch auch als nach erneutem Rufen niemand antwortete, senkte er seine Arme wieder. „Als ob es hier irgendjemanden interessieren würde.“, flüsterte er anschließend.

Er begann sich weiter umzusehen, bis er beinahe am Ende des Teppichs angekommen war. Das Licht der Kerzen schien hier besonders schwach und er hatte große Mühe den Altar detailliert zu erkennen. Sein Blick wanderte von dem schmalen Fuß des Sims bis nach oben.

Er versuchte angestrengt die Silhouette vor sich zu erkennen, indem er seinen Hals verkrampft nach vorne streckte und sich Falten auf seiner Stirn bildeten. Allmählich gewöhnten sich seine Augen an die Dunkelheit und ermöglichten es ihm, erste Details ausfindig zu machen. Es handelte sich bei dem Werk anscheinend um ein massives Kreuz, nichts ungewöhnliches. Doch da war noch etwas anderes. Etwas das ihm merkwürdig vorkam. Sein Blick wurde noch konzentrierter, die Atmung ruhiger und seine Sinne schärfer.

WAAAAHHHHH!“ schrie er plötzlich laut auf, während er über seine eigenen Füße nach hinten stolperte und mit seinem Kopf an eine der Holzbänke knallte. „Was zur Hölle ist das?!“ rief er außer sich.

Das ungewöhnliche Etwas, dass eben noch an dem Kreuz befestigt war, bewegte sich. Es rutschte von seinem Platz, bis es schließlich mit einem dumpfen Schlag auf dem Boden aufkam.

Es war etwas, dass bis vor wenigen Sekunden noch völlig unbeweglich und starr auf dem Altar thronte. Er wollte nicht darüber nachdenken, was es sein könnte und wer dafür verantwortlich war. „Je länger du still sitzt, desto näher kommen die Wölfe um dich zu holen. Dass du nicht mehr weg kannst, merkst du erst, wenn es zu spät ist.„, ging es ihm durch den Kopf.

In seiner Panik stützte er sich von der Bank ab und rannte so schnell er nur konnte zu der Tür, durch die er gekommen war. In seiner Eile stolperte er über seine eigenen Beine, keuchend, ohne sich nochmal umzudrehen. Er knallte mit seinem Körper gegen die Pforte der Kathedrale. Doch es war ihm egal. Er merkte es nicht mal. Das einzige woran er denken konnte war seine Flucht. Seine Verzweiflung stieg, als er an der Eingangstür rüttelte und nichts geschah.

W-wie kann das sein?! W-was geschieht hier?!“, stammelte er in seiner Fassungslosigkeit.

Die Tür war doch eben noch offen. Niemand hat sie geschlossen und selbst wenn, wie hätte ich das überhören können?! Was zum Teufel ist hier nur los?!“, dachte er sich, während seine Gedanken rasten um die Situation zu verarbeiten. Doch ehe Gwyn innehalten konnte, um sich und seine Gedanken zu sammeln, hörte er ein schweres Rasseln von Ketten, die über den steinigen Boden und den Teppich schleiften. Er drehte sich reflexartig um. Ein Schauer jagte über seinen Rücken und seine Pupillen weiteten sich, als er sah, wie eine schwarze Silhouette begann sich aufzurichten und auf ihn zu zumarschieren. In seiner Angst bemerkte er nicht einmal, wie es ihn schrittweise zurück trieb. Seine Stirn schwamm in Schweiß und die ersten Tropfen landeten auf dem Boden.

Er versuchte zu rationalisieren was passierte, doch je mehr er versuchte nachzudenken, desto ängstlicher wurde er. Sein Herz fing mit jedem Wimpernschlag an, schneller zu schlagen, während das Geräusch der Ketten immer näher kam.

Oioi!“, rief der Schatten ihm zu. „Wie kann man nur so unhöflich sein?“, sprach eine männliche Stimme. Das einzige was sich Gwyn allmählich zu erkennen gab, war eine fast schon menschenähnliche Gestalt. Ein lautes Knacken war zu hören, als der Schatten mit seiner Hand an seinen Nacken fasste und diesen ruckartig von rechts nach links einrenkte.

Es war ihm alles zu viel. Er wollte nicht wissen, wer oder was das war, oder woher es kam. Mit diesem Ding reden wollte er schon gar nicht. So versuchte er erneut die Tür hinter sich aufzurütteln. Seine Fingernägel versuchten sich an dem Stahl fest zu krallen, doch ohne Erfolg. Er war gefangen, wie eine Maus in einem Labyrinth ohne Ausgang. In seiner Verzweiflung griff er, in der gedimmten Beleuchtung, nach dem Erstbesten was er in die Finger bekam und schleuderte so einen der Kerzenständer in Richtung der Kreatur. Beinahe wie in Zeitlupe, sah er wie der Ständer sich mehrmals um die eigene Achse drehte und die Flammen der Kerzen dabei erloschen.

Plötzlich zog ein gewaltiger Windsturm an ihm vorbei und er hielt sich schützend die Arme vor sein Gesicht. Sein Mantel flatterte wie wild im Wind und zugleich war die Kreatur spurlos verschwunden.

Der Rückstoß des Windes sauste durch die komplette Halle und zwang ihn beinahe in die Knie. Der Kerzenständer flog zu Boden und hatte bereits sein Ziel verfehlt. Am liebsten hätte Gwyn seine Augen zugenäht, damit er sie nie wieder öffnen musste. Das Gefühl in seinen Fingerspitzen verließ ihn und er betete, dass es sich nur um eine Einbildung seines übermüdeten Geistes handelte.

Oi! Ich rede mit dir.“, erklang es erneut, diesmal links von Gwyn, der mit einem weiteren Aufschrei zur Seite sprang. Jetzt konnte er die Kreatur erkennen. Sie saß gelassen, in der Hocke, im schwachen Licht auf der Lehne einer Bank. Grüne, spitze Pupillen schimmerten ihn bedrohlich an. Die Augen einer Schlange, die ihre ahnungslose Beute anvisierte. So sehr er auch Angst hatte, so sehr war er von den Augen fasziniert. Gwyn nutzte den Moment, um dieses Etwas zu mustern.

Dieses Ding war menschenähnlich, scheinbar männlich und ein wenig größer als er selbst. Gehüllt in einen langärmeligen, schwarzen Mantel auf dem grüne Glyphen eingeebnet waren und einer Kapuze, die fast das ganze Gesicht verdeckte. Sein Oberkörper war in ein schwarzes Gewand gekleidet, welches einer Art Weste ähnelte und mit verschiedenen silbernen Gürtelschnallen verziert war. Die Gürtelschnallen waren mit braunen Lederriemen befestigt. Darunter trug er ein schlichtes, weißes Hemd. Seine Kleidung war eng an seiner athletischen Statur anliegend. Die Ärmel waren von grauen Ketten umschlungen, welche an einigen Stellen in seinem Mantel verschwanden und an anderen wieder zum Vorschein traten. Alleine der Anblick seiner klauen-artigen Hände war furchteinflößend.

An der braunen Hose konnte er nichts ungewöhnliches feststellen. Dieses Ding trug einen unspektakulären Gürtel. Die braunen Stiefel, hatten einen metallenen Aufsatz an der Vorderseite. „Kikiki.“, ein ungewöhnliches Kichern schoss aus der Gestalt hervor, während sich ein breites, weißes Grinsen unter der Kapuze bildete. Gwyn lief ein Schauer den Rücken hinunter.

Ihm stand jedes einzelne Haar zu Berge und sein Herz hörte für einen kurzen Moment auf zu schlagen. Die weißen, reiß-artigen Zähne, die ihn im Kerzenschein anlächelten, waren das furchterregendste was er je gesehen hatte.

Ich hoffe dir ist bewusst, was meine Ankunft für dich bedeutet, kleiner Mensch.“, frohlockte der Mann, während er von der Bank hinab hüpfte und sich vor Gwyn aufbaute. Doch bevor dieser antwortete, war er bereits tiefer in die Halle geflüchtet und verkroch sich in einer dunklen Ecke. „Fufu“, lachte es erneut und aus dem mild beleuchteten Saal fokussierten sich die unheilvollen grünen Augen wieder nur auf ihn. Sie schienen sich bis tief in seine Seele zu bohren. Je länger sich ihre Blicke kreuzten, desto mehr verspürte Gwyn einen stechenden, immer stärker werdenden Schmerz in seiner Brust.

Weißt du… ich hatte immer gehofft, dass sich auch für mich eines Tages die Pforte öffnen würde.“, gab er von sich, während er beide Fäuste an seine Taille anlegte und sich interessiert umsah.

Ay, ay.“, seufzte er anschließend, während er sich mit seiner Hand am Hinterkopf kraulte, „Es kommt mir alles noch wie ein verschwommener Traum vor. Kennst du das Gefühl? Als sollte man sich an etwas erinnern, aber man weiß einfach nicht an was.“.

Während die Gestalt anfing mit sich selbst zu reden, griff Gwyn in seiner Panik nach den nächsten Gegenstand, den er finden konnte. Er fand den Spendenteller in der Nähe des Altars und warf ihn in die Richtung des Fremden. Doch auch dieser verfehlte sein Ziel. Wie von Zauberhand sah Gwyn, wie die menschlich erscheinende Kreatur verschwand und auf der anderen Seite des Saales wieder auftauchte, noch immer vertieft in seinen Monolog.

Jetzt wo es endlich so weit ist, weiß ich gar nicht wie ich mich verhalten soll. Ich meine, wer weiß schon was für ein verschrobener Kerl du bist, wenn ausgerechnet ich hi-…“. Erneut wurde dieser Satz nur unterbrochen, weil Gwyn einen Gegenstand warf, von dem er selber nicht wusste, was es war. Der Fremde tauchte einen Meter neben dem Gefäß auf, welches nun klangvoll zu Boden ging und eigentlich ihm gewidmet war.

Ich hab’s!“, verkündete er voller Begeisterung, während er seine Faust auf seine flache Hand fallen ließ.

Du!“, und wandte sich blitzartig in Richtung Gwyn, welcher bereits einen weiteren Kerzenständer griffbereit hielt. Ein erneuter erfolgloser Wurf folgte. Alles schien vergebens. Gwyn konnte es nur als eine Art Teleportation bezeichnen. Plötzlich war die Gestalt an einem komplett anderen Ort als zuvor. Der aufgewirbelte Staub und der Rückstoß, waren die einzigen übriggebliebenen Indizien seiner Präsenz.

So, Schluss jetzt mit dem Theater kleiner Mensch! Du hörst mir jetzt gut zu, ansonsten garantiere ich für nichts.“, er tauchte plötzlich vor Gwyn auf und packte seine Hand, während er sein Gesicht beinahe auf das von Gwyn presste. Mit seiner anderen Hand spreizte er die Augenlider an Gwyns rechtem Auge weit auseinander. Gwyn dachte, er würde ihm sein Auge herausreißen wollen.

Es war das erste Mal dass die merkwürdige Gestalt und er Angesicht zu Angesicht standen.

Du und ich, wir sind ab heute Partner.“, seine grünen Reptilienaugen zogen sich fest zusammen, während sie tief in die ängstlichen Augen Gwyns schauten.

Ich hatte zwar eigentlich vorerst nicht daran gedacht mich mit dir anzufreunden, aber da ich dank dir endlich frei bin, will ich mal nicht so sein. Jetzt können wir die Welt auch gemeinsam auf den Kopf stellen. Was sagst du?!“, doch Gwyn blieb stumm und so fuhr der Fremde fort.

Dachte ich’s mir doch. Du bist der selben Meinung. Fabelhaft! Lass uns loslegen und die Realität aus den Angeln heben.“. Ohne dass Gwyn auch nur ansatzweise den Mut aufnehmen konnte um zu antworten, beendete die Figur das Gespräch und übernahm auch seinen Anteil der Konversation. Verängstigt sah er ein, dass jeder weitere Versuch sich zu wehren hoffnungslos war. Doch irgendetwas ließ ihn nicht los. Das Gefühl einer kleinen Glut, die tief in seinem Unterbewusstsein glühte und nur darauf wartete entzündet zu werden, schlummerte in ihm.

W-wie machst du das?“, brach es plötzlich aus ihm hervor. „Wie mache ich was?“, hakte der Mann unbekümmert nach. „Diese merkwürdige Teleportation. So etwas habe ich noch nie gesehen.“, Gwyns Augen fingen beinahe an zu Funkeln vor Neugier. „Kiki, ach das?! Das soll was besonderes sein?“, fragte er in seinem selbstgefälligen Ton. Sogleich verschwand er auch wieder vor Gwyns Augen und tauchte hinter ihm, auf der Spitze des Altars, mit weit ausgestreckten Armen

wieder auf. „Das ist keine Teleportation. Dein kleines Menschen Auge ist einfach nur viel zu langsam.“, erklärte er herablassend. „Herrje sind alle Menschen so leicht zu beeindrucken wie du? Ich dachte derjenige, der mich befreit, wäre jemand besonderes. Doch ich langweile mich jetzt schon. Hm?!“, er hielt plötzlich inne, als er die Ketten an seinen Armen bemerkte.

„Befreit? Was soll das bedeuten? Wer bist du?“, fragte Gwyn bestärkt in seiner Neugier. Doch konnte er nur verdattert zusehen, während der Angsteinflößende sich spielerisch und fast schon krampfhaft, versuchte, die Ketten von seinem Ärmel abzureißen – jedoch ohne großen Erfolg.

Huh? Sie gehören also nicht zu ihm? War er also doch eine Art Gefangener?“, fragte sich Gwyn innerlich. „Hey!“, rief er in der Hoffnung, die Aufmerksamkeit seines Gegenüber zu erlangen. „Antworte mir endlich! Wer bist du und was willst du von mir?!“. Augenblicklich stoppte der mysteriöse Mann jede Bewegung und drehte seinen Kopf langsam in die Richtung von Gwyn.

Vor einer Sekunde noch hätte ich schwören können du machst dir in dein Höschen. Was ist passiert?! Hast du plötzlich Eier bekommen oder bist du einfach nur unglaublich naiv Bürschchen, hae?!“.

W-wenn du mir etwas hättest antun wollen, hättest du es bereits getan.“, erwiderte er zaghaft.

Kikikii, vielleicht spiele ich einfach nur gern mit meinen Opfern bevor ich sie foltere.“, hörte er es von der Kreatur lachen, während diese sich nun komplett vor Lachen schüttelte und über Gwyns Äußerung amüsiert war.

Du hast ja keine Ahnung in was für einer Situation du dich befindest, oder? Es mag vielleicht stimmen, dass ich deine kleinen schlotternden Knochen für den Moment noch aneinander lasse, doch gibt es hiervon kein Zurück mehr. Wir sind ab Heute eins.“, blitzschnell tauchte er auf einer der Bänke neben Gwyn auf und streckte sich mit einem gelangweilten Gähnen.

Mit einem Grinsen fuhr er fort: „Der Moment, in dem du mir die Freiheit gewährt hast, hat unser beider Schicksal besiegelt. Deine Realität wird ab heute nie wieder dieselbe sein. Dein altes Leben ist für immer vorbei. Eine Verantwortung, vor der man nicht davonlaufen kann. Ich bin gespannt, ob du zu irgendetwas zu gebrauchen bist.“.

Und was ist wenn ich einfach gehe? Willst du mich dann umbringen? Es fällt mir schwer so einen Unsinn zu glauben.“, echauffierte sich Gwyn, ganz zur Überraschung des Unbekannten.

„Ho?“, wunderte der sich, als er in die Augen von Gwyn sah, die von einer eigenartigen Aura umgeben waren, die zuvor nicht nicht präsent war. Es schien beinahe so, als wäre es dem jungen Mann gelungen seine Angst zu unterdrücken und sich seiner wirren Situation zu widersetzen.

Nun gut kleiner Mann, du hast mich überzeugt. Ich spüre deine Willenskraft. Drum lass dich nicht von mir aufhalten.“, befürwortete der Fremde ihn aus heiterem Himmel und begann mit seiner Hand übermäßig stark zum Abschied zu winken.

Kämpfe für dein Vaterland. Impfe deine Kinder mit deinen Idealen und infiziere dein Leben mit Belanglosigkeiten. Von hier an und für alle Zeit mögest du frei sein.“, er klatschte daraufhin zwei mal theatralisch in seine Hände, sodass ein Echo bis ans andere Ende der Halle erklang.

Mit einem Mal schlug die gewaltige Pforte der Kathedrale sich erneut auf. Dies geschah mit einem derartigen Ruck, dass man hätte meinen können, sie wird gänzlich aus ihrer Verankerung gerissen, während ein lautes Rumoren durch das Bauwerk zog und durch Gwyns Knie zitterte.

Wirklich? Ich kann einfach so gehen?“, atmete Gwyn erleichtert und erstaunt auf, als er die frische Abendluft von draußen schon förmlich riechen konnte. Der Fremde winkte ihn gleichgültig ab, woraufhin Gwyn nicht länger überlegte und in Richtung Ausgang los rannte. Endlich würde er frei sein und dieser Alptraum wäre vorüber. Er rannte so schnell seine Beine ihn trugen, bis er an dem Springbrunnen vor dem Gebäude heil angekommen war.

Deine Eltern haben dich nicht zufällig in den Keller gesperrt, weil du etwas ganz besonderes warst, oder?“, ertönte eine Stimme über ihm, auf der Spitze des Brunnens. Vor lauter Schreck riss es Gwyn mit einem weiteren Schrei zu Boden.

Ich hab dir doch gerade erst erklärt, dass es kein Zurück mehr gibt. Hörst du den Leuten nicht zu wenn sie mit dir reden? Ich weiß ihr Menschen seid Meister des Egoismus, aber das ist nun wirklich kein Teamgeist.“.

Warum?! Was passiert hier nur? Warum ich?“, er brabbelte nun unkontrolliert aus, was ihm gerade in den Sinn kam, als die Hoffnung die ihm gemacht wurde, zu erlöschen drohte.

Glaube mir, ich bin auch nicht sonderlich begeistert.“, seufzte der unheilvolle Kerl enttäuscht, „Ausgerechnet ich kann das spezielle Kind der Krabbelgruppe betreuen. Machen wir einfach das beste daraus. Ok?“. Gwyn konnte es immer noch nicht glauben. Es musste sich einfach um einen bösen Traum handeln. Seine Hände vergruben sich tief im Kies, während seinem Verstand die Erklärungen ausgingen. „W-wie kann das nur sein? Warum ich?!“.

Nun ist aber Schluss Kleiner! Nicht einmal ich bin so unhöflich.“, der Fremde hielt inne. „Ach, Moment.“, bemerkte er blitzartig und streckte seinen langen Zeigefinger zum Himmel. „Ich weiß was uns fehlt. Wir haben uns gar nicht richtig vorgestellt. Nun gut. AHEM.“, räusperte er sich und begann zu verkünden, „Mein Name ist Delirias. Es freut mich deine Bekanntschaft zu machen. Möge unsere Reise ereignisreich sein und die Welt verändern.“, er reichte Gwyn seine in Ketten gehüllte Hand. Doch Gwyn war starr vor Angst. „Was?! Zu dick aufgetragen? Ach Quatsch. Und nun hoch mit dir!“ lachte der Mann ihn hämisch an.

Wie kannst du verlangen, dass ich das einfach so akzeptiere?!“, antwortete Gwyn wie in Trance. „Es gibt kein Entkommen. Also: auf, auf kleines Häschen.“, Delirias klatschte dabei in die Hände als würde er mit seinem Haustier sprechen. „Je länger du still sitzt, desto näher kommen die Wölfe um dich zu holen. Dass du nicht mehr weg kannst, merkst du erst, wenn es zu spät ist.“.

Gwyn krallte sich mit seinen Fingern an seinem eigenen Gesicht fest „W-was geht h-hier bloß vor sich?“, stammelte er mit weggetretenem Gesichtsausdruck vor sich hin, während er sich zusammen kauerte.

Hmm?! Nun gut. Eigentlich wollte ich es dir nicht sagen, aber du hast mich ertappt. Bist du nun zufrieden?! Wiedermal ein Mensch, der es nicht abwarten konnte direkt hinter die Kulissen zu blicken und die wundervolle Illusion auszulöschen.

Dir ist schon bewusst, dass ein Mysterium auch etwas positives sein kann, oder?!“, Delirias verfiel in einen manischen Redefluss. „Die Illusion ist weg, der Vorhang auf, der Zauber gebrochen. Der Assistent ist geteilt und das Publikum am Boden. Habt ihr nun was ihr wolltet, oh großer Meister? Nein?! Wie viel braucht es noch, bis ihr endlich zufrieden seid?!“, sprudelte es ohne Pause aus dem Mann heraus, während dieser überschwänglich vor Gwyn auf und ab marschierte. Er warf sich die Kapuze seines schwarzen Mantels über und verstellte seine Stimme.

Ich bin ein Gott, eine höhere Macht. Allein hierher gereist, nur um dir deine tiefsten Wünsche und Sehnsüchte zu erfüllen“, flüsterte er plötzlich in Gwyns Ohr, während lediglich die grünen Augen und ein fieses Grinsen unter dem Schatten der Kapuze erkennbar waren.

Ein bisschen Dankbarkeit wäre nicht fehl am Platz, findest du nicht auch? Kikiki…“, kicherte Delirias vor sich hin, während er sein Gesicht zum Himmel streckte.

Es reicht.“, sagte Gwyn, als hätte er bemerkt, dass seine Angst nur zum Spot diente, „Noch bin ich nicht verzweifelt genug, um solchen Schwachsinn zu glauben.“, allmählich rappelte er sich auf und putzte sich die kleinen Kieselsteine von der Kleidung.

Und genau aus diesem Grund werde ich jetzt gehen. Mach was du willst. Noch nie habe ich so einen Unsinn erlebt.“. Zum ersten Mal war Delirias ernsthaft interessiert an Gwyns Verhalten. Ebenso wie er es schaffte problemlos zwischen infantilen Späßen und unheilvollen Drohungen zu wechseln, so hatte auch Gwyn innerhalb weniger Sekunden ihr Treffen als banalen Streich seines Geistes abgestempelt und war im Begriff zu gehen. „Du spielst mit meinen Gefühlen. Haben wir uns nicht gerade erst kennengelernt? Solltest du mich nicht zumindest zum Essen ausgeführt haben, bevor du mich verlässt?“, stichelte Delirias weiter, der die Situation sichtlich genoss.

Ohne weitere Bemerkung verließ Gwyn augenblicklich das Areal und tatsächlich schien das seinen Zustand zu stabilisieren. Nicht länger schien er verfolgt zu werden, von der wahnsinnigen Gestalt die sich selbst Delirias nannte. Er sah sich auf dem Weg zurück noch einige Male um, doch nirgends war auch nur eine Spur von der Gestalt zu sehen. Die Stimme verstummte, die Schatten verschwanden und das Lachen versiegte. Alles war ruhig, bis auf den seichten Abendwind der durch seine Kleidung flatterte.

Angekommen an seiner Haustür, der gewohnten Nr. 221A, griff Gwyn tief in die Seitentasche seines Mantels, auf der Suche nach seinem Schlüssel. Als er schließlich fündig wurde, bemerkte er, wie ein schweres Objekt mit einem stumpfen Knall zu Boden fiel. Ohne groß nachzudenken, beugte er sich um nachzusehen. Doch während er seine Hand danach ausstreckte, zuckte er plötzlich zusammen. Vor ihm lag ein geöffnetes Metallschloss, allerdings ohne den dazugehörigen Schlüssel. Lediglich Dellen und Spuren von Abnutzung an der Seite, wo das Schloss geöffnet worden war, waren zu sehen. „Das reicht!“, rief er lauthals. Er hatte endgültig genug. Bereits zu oft, hatte er sich heute seine Schwächen eingestanden und beinahe den Verstand verloren. Sogleich beförderte er das Stück Metall mit einem schwungvollen Wurf in das nächstgelegene Gebüsch und kümmerte sich nicht weiter darum.

Er öffnete die Tür zu seinem Haus und ließ sie langsam hinter sich zufallen. Wie so oft tat er so, als hätte er etwas nicht gesehen. Dadurch musste er sich nicht weiter damit auseinanderzusetzen. Eines bemerkte er dabei jedoch nie. Sein Unterbewusstsein vergaß nichts. Ausgelaugt und müde schloss er seinen Tag in Gedanken ab, während seine Augen in seinem Bett allmählich zufielen. Die grünen Augen einer verstörenden Gestalt blitzten ein letztes Mal furchteinflößend vor seinem geistigen Auge auf, bis sein Körper schließlich seiner Erschöpfung nachgab und er in das Land der Träume abdriftete.

Dich Sah Ich Wachsen

Er schaute sie noch immer gerne an. Für John war sie das Symbol dafür geworden, dass alles gut werden kann, wenn man bereit ist, sich den umgebenden Herausforderungen zu stellen. Gemeinsam hatten sie viel durchgemacht. Und auch, wenn er den Glauben an sich oft verloren hatte, an sie hatte er immer geglaubt.

Im Alter von 6 Jahren, John wohnte mit seiner Mutter in der Torstraße in Berlin – ehemals Wilhelm-Piek-Straße – , wurde John die Aufgabe zu teil, Yasmin zu beschützen. Er weiß es noch wie gestern. Es war ein feierliches Ritual. Alle ihm zu Ehren erschienenen Gäste feierten den Tag seiner Einschulung. Es gab viele Geschenke, von denen er die meisten mit den Jahren weggeschmissen und vergessen hatte. Kaum zu glauben, dass sie auch ein Geschenk war. Er wusste nicht mehr genau, von wem er sie bekam. Allerdings wusste er noch genau, wie sehr sie ihm gefallen hatte und wie sehr er sich über sie freute. Sie war lebendig und wunderschön.

Doch wie das so ist mit neuen Dingen: John verlor ziemlich schnell das Interesse an ihr. Und bald war sie halt nur noch da. In dieser Zeit kümmerte sich seine Mutter um sie. Die Zeit verging und hin und wieder blickte John Yasmin an. Er respektierte, wie sie sich stetig weiterentwickelte. Sie erwartete nicht viel von anderen und war dabei selbst sehr leistungsorientiert.

Als John 18 wurde, zog er aus. Er nahm Yasmin mit. Seine erste eigene Wohnung war in einem Hinterhof, sehr nahe am Mauerpark, in der Korsörer Straße. Sie war ziemlich düster und obwohl sie relativ weit oben war, schien nie die Sonne herein. Das gefiel Yasmin nicht. Oft war John traurig und er wusste nicht, was aus ihm werden sollte. In dieser Zeit ließ er sich gehen. Oder: er wurde gehen gelassen. Man hatte ihn einberufen und so machte er den Grundwehrdienst. Er mochte Gewalt nicht. Es wäre ein leichtes für ihn gewesen, sich davor zu drücken. Doch er ließ es über sich ergehen. Danach wurde ihm vom Jobcenter eine Ausbildung aufs Auge gedrückt. Auch diese Jahre hatte er erfolgreich absolviert. Aber halt nur weil man ihn dazu drängte und mit Sanktionen drohte. Es geschah wenig aus ihm heraus.

Auch Yasmin fiel dieser Antriebslosigkeit zum Opfer. Er kümmerte sich zu wenig um sie. Um so erstaunter stellte er gelegentlich fest, dass sie nicht aufgab. Sie war sehr bescheiden. Doch auch die wenigen Bedürfnisse die sie von ihm zu befriedigen wünschte, konnte er nicht bedienen. Und dennoch: Sie machte weiter.

Im Alter von 23 Jahren zog John mit einem Mädchen zusammen in die Binzstraße in Pankow. Ihr Name war Nina und sie war sehr liebevoll. Sie behandelte John trotz seiner oftmals selbstzerstörerischen Art sehr gut und war nachsichtig mit ihm. Ich denke, Nina glaubte an John, wie John an Yasmin.

Die Jahre in der Hinterhofwohnung hatten ihre Spuren an Yasmin hinterlassen. Ihr Hals war lang und dünn und konnte den schmalen kleinen Kopf kaum halten. Die neue Wohnung hatte einen Balkon im vierten Stock – Südseite. Das bedeute es war die meiste Zeit des Tages schön sonnig und sehr windig. John konnte Yasmin nicht mehr leiden sehen. So entschied er sich kurzerhand, ihr den Kopf abzuschneiden.

Nach einigen Wochen in einem Wasserglas bildete Yasmins abgetrennter Kopf kleine Wurzeln am unteren Ende, mit denen sie zu verstehen gab, dass sie wieder eingepflanzt werden möchte. John tat, wie sie verlangte und stellte sie dann auf den Balkon. Sie entwickelte sich hervorragend und John liebte sie dafür. Der ehemals kleine Kopf bildete einen kräftigen Hals aus, der nach kurzer Zeit zu einem ansehnlichen Stamm reifte. Nach all den Jahren des Leides war sie dennoch im Stande im richtigen Moment alles zu geben was geht. Er schaute täglich nach ihr und ob sie alles hatte, was sie brauchte.

Zu Yasmins Bedauern trennten sich Nina und John bald. Die Zeit in Pankow hatte ihr sehr gut getan und es war ungewiss wohin es sie beide nun ziehen würde. Nach ein paar Monaten bei einem von Johns Kumpels zogen sie gemeinsam in eine Wohnung in der Berliner Allee, direkt am Antonplatz. Es war eine schöne Wohnung mit einem amerikanischen Wohnzimmer. Allerdings schien hier wieder keine Sonne rein und es gab keinen Balkon. Dafür war die Wohnung hell. Yasmin hatte sich wieder zu einer kleinen Schönheit entwickelt. Sie hatte einen kräftigen Stamm und einen schönen Kopf mit vielen Blättern. John gab ihr regelmäßig Wasser und setzte sich oft zu ihr. Sie kannten sich mittlerweile seit 20 Jahren und John war sich ihrer Bedeutung für sein Leben bewusst. Er hätte auf alles in diesem Haus verzichten können. Aber nicht auf sie. Zu dieser Zeit ging es ihm wesentlich besser als mit 18 und sie war die einzige Zeugin seiner gesamten Entwicklung. Nüchtern betrachtet stellte sich die Frage, wer hier wem beim wachsen zu sah. Er ihr? Oder sie ihm? Oder, oder sie sich.

Für John sollten jedoch negative Entwicklungen folgen, die Yasmins Entwicklung später postiv beeinflussen würden.

John war den Arbeitsalltag leid und so entschied er sich zu kündigen. Er hatte keine Ahnung, was er machen sollte. Er hatte ein bisschen Geld gespart, um die nächsten Monate durch zu kommen. Er wollte nicht wieder zum Arbeitsamt. Es bot sich ihm ein Möglichkeit, auf Rechnung Geld zu verdienen. Das heißt er konnte sich seine Zeit selbst einteilen und wenn er mal keine Lust hatte zu arbeiten, nahm er den Job halt nicht an. Mit der Zeit musste er jedoch feststellen, dass sein Erspartes immer weniger wurde und die monatlichen Einnahmen oft nicht reichten, um seine Ausgaben zu decken. Es kam wie es kommen musste. Zuerst konnte er die Krankenversicherung nicht mehr bezahlen, dann die Miete. Die fristlose Kündigung seitens des Vermieters, zu dem von Anfang an kein gutes Verhältnis bestand, ließ nicht lange auf sich warten, nachdem John die Mietzahlungen ausetzen musste. John und Yasmin zogen zu Johns Oma nach Mahlsdorf. Johns Oma wohnte in einer Doppelhaushälfte mit einem Garten. Das war das Paradies für Yasmin. Hier stand sie nun im kommendem Jahr vom Frühling bis zum Herbst und konnte wachsen und wachsen. John betrachtete sie oft andächtig und fragte sich gelegentlich, wie aus diesem kleinen Pflänzchen, mit dem dünnen, schmalen Hals nur so ein schöner Baum werden konnte.

John ging wieder einer geregelten Arbeit nach und arrangierte sich mit dem Alltag. Er hatte nun schmerzhaft am eigenen Leib erfahren, was passierte, wenn er von jetzt auf gleich und ohne Plan versuchte auszubrechen. Eines Tages kam er nach der Arbeit nach Hause, ging in den Garten, wo er sich voller Hingabe Yasmin widmete. Zu seinem entsetzen stellte er fest, dass sie eine Wunde hatte. Diese Wunde war beinahe lebensbedrohlich. Jemand hatte ihr ein leicht trockenes Blatt abgerissen. Der Riss war so tief, dass die Stabilität des Kopfes gefährdet war. John war außer sich und stellte seine Oma zur Rede. Diese meinte, man müsse die trockenen Blätter eben entfernen. Sie gab ihm den Tipp Yasmin zu köpfen und den Kopf einfach neu einzupflanzen. Yasmin köpfen… päh. Damit würde er mal eben 4 Jahre Pflege zu Nichte machen. Und das nur, weil er mal kurz nicht aufgepasst hatte. Die Oma hatte Recht. Man konnte und sollte die trockenen Blätter entfernen. Allerdings musste man diese abschneiden, sodass man der Pflanze keinen Schaden zufügte. Die Wunde heilte langsam und wurde zu einer Narbe. Yasmin kam drüber hinweg, ohne dass sie erneut geköpft wurde. Nach ein paar Monaten war die Stelle, die einmal eine Wunde war, sogar noch härter, als der Rest des Stammes.

John bezahlte alle seine Schulden und nahm sich bald wieder eine eigene kleine Wohnung. Er achtete darauf, dass sie günstig war, damit er nicht mehr so viel arbeiten musste. Was aber wichtiger für ihn war, sie musste einen Balkon haben. Der Garten der Oma hatte ihn wieder in Erinnerung gerufen, wie wohl sich Yasmin im Freien fühlte, wenn es warm war.

Die Jahre vergingen und Yasmin bekam hin und wieder einen größeren Topf. Wenn es kalt wurde nahm er sie rein und wenn es warm wurde, stellte er sie raus. Eines Tages stellte John fest, dass sie größer geworden war, als er. Und er dachte bei sich, wie schön, dass sie noch bei ihm war und nie aufgegeben hatte.

Eine Tolle Karriere – Part 1

Was ist moralisch verwerflicher: Einen für die Mehrheit beschissenen Zustand aus Eigeninteresse mit edlen Worten zu vertuschen oder einen für die Mehrheit beschissenen Zustand aus Eigeninteresse mit beschissenen Worten zu benennen?

Ich hatte mal wieder einen Jobwechsel hinter mir. Mein neuer Job war die Art von Job, die man macht, um Geld zu verdienen. Nicht die Art von Job, bei der man Erfüllung findet und am Ende des Tages zurückblickend sagt: „Wow! Heute war ein toller Tag und ich habe einen wertvollen Beitrag für die Gesellschaft geleistet.“. Nein, so ein Job war das nicht. Es war ein Job in einer kleinen Firma, die sich auf den Großhandel von Smartphone Zubehör spezialisiert hatte. Ich hasse Smartphones. Insgesamt waren wir vielleicht 25 Mitarbeiter. Meine Aufgabe war es Produkte rückabzuwickeln, die innerhalb der Gewährleistungszeit Defekte aufwiesen und zurück gegeben wurden. Die einzelnen Schritte dieser Abteilung waren so erbärmlich monoton, dass ich mir jegliche Details an dieser Stelle spare. Die Kollegen aus dem Lager stapelten uns die Scheiße Palettenweise vor die Tür. Es war die Art von Job, bei der man es mit einem Chef zu tun hat, der alle paar Wochen braungebrannt vorbei schaut, die Zahlen checkt und den guten Kumpel spielt, während er dir sonst ins Gesicht scheißt, indem er dir einen so beschissenen Lohn zahlt, dass es gerade reicht, um dich am Wochenende so zu besaufen, um die vergangene Woche zu vergessen und die nächste zu überstehen. Kein Weihnachtsgeld, kein Urlaubsgeld, keine Perspektive. Nur ein verfickter Gehaltsstreifen und ein paar erbärmliche Kröten. Mein Arbeitsplatz befand sich am Rande des Lagers. Die Kollegen strahlten Resignation aus. Diese wurde nur durch ihren Sarkasmus übertroffen. Ich wusste nie wer was Ernst meint. Außer wenn es um den Job ging. Hier waren alle Todernst. Ein Blick in ihre leeren Augen ließ mich oft daran zweifeln, dass sie überhaupt noch lebten.

Hättest du in der Schule doch nur besser aufgepasst!“, hörte ich mir oft, eine Stimme vorwerfen. Ja und dann? Was dann? Dann hätte ich wahrscheinlich nicht in dem beschissenen Lager gesessen, sondern in irgendeinem feschen Startup rumgepimmelt. Ich hätte dem schwuchteligen Gründer den Speichel meiner Vorgesetzten aus der Arschritze geleckt, in der Hoffnung, dass er mich nicht feuert, wenn er mal wieder schlechte Laune hat, weil ihm keiner glaubt, dass er Hetro ist, obwohl er der häßlichen Personal-Abteilungsleiterin zwei Kinder gemacht hat. Wahrscheinlich wäre es so ein Startup gewesen, welches seinen potenziellen Kunden, durch immens hohe Marktingbudgets, ein Produkt verkauft, was es so gar nicht gibt und seine Mitarbeiter nur durch die Spenden von sehr reichen Wohltätern bezahlen kann, die das ganze für eine gute Investition halten.

Nebenbei bemerkt, wäre das natürlich nur das Ziel gewesen. Erst einmal hätte ich meine kostbare Lebenszeit weiterhin damit verbringen dürfen, irgendeinem Wichser zu zuhören, der sich für ne große Nummer hält, weil er jahrelang den Scheiß auswendig gelernt hat, den dann ich auswendig hätte lernen sollen. In dieser Zeit hätte ich mir ausgemalt wie rosig das Leben schmecken wird, wenn der Müll vorbei ist, um dann endlich mit Ende Zwanzig eine Delikatesse aus Klabusterbeeren übergossen mit Vorgesetztenspeichel vom Arsch meines Geschäftsführergründers kredenzt zu bekommen.

Nein danke! Dann doch lieber die frustrierten Sarkasten von HandyCountry.

Wie einem das Leben aufs Maul hauen kann, habe ich schon früh gelernt. Dazu brauchte ich nicht auch noch ein jahrelanges Studium mit der Aussicht auf nen Arschkriecher Job.

Doch wie rauskommen aus der verfickten Scheiße? Wie zur Hölle rauskommen aus dem beschissenem Hamsterrad….

Fortsetzung folgt.

Die Künstlerin

Es war an einem Samstag Nachmittag im Januar. Ich saß in der Tram auf dem Weg zum Einkaufszentrum am S-Bahnhof Schöneweide. Trotz einer mehrtägigen Trinkpause schwirrte mir noch immer ein leichtes, dumpfes Katergefühl durch meinen Schädel. Eine gewisse Trägheit, welche nur durch den Konsum von Marie J ausgelöst wird, steckte mir zusätzlich in den Knochen.

Dieser Zustand, eine gewisse Betäubtheit, konnte meine Anziehung zum anderen Geschlecht jedoch nicht unterdrücken. Nichts kann das. Mein letzter Sex war sicherlich drei Wochen her. Und der war nicht gut. Der letzte gute war 7 Monate her. Und das ist eine verdammte lange Zeit.

Als ich so halb benebelt, mehr als sexuell ausgehungert in der Straßenbahn saß, sah ich wie an der Haltestelle Wilhelminenhofstraße Ecke Edisonstraße eine attraktive Frau in meine Bahn stieg. Sie trug ein Lächeln auf den Lippen und ich… ich hatte einen stehen. „Wann spreche ich sie wie am besten an?“, ging es mir durch den Kopf. Sie stellte sich hinter mich. Noch zwei Stationen bis ich raus musste.

Erfahrungsgemäß ziert sich das schöne Geschlecht, sobald man ihm gegenüber, auf so engem Raum und vor den Augen von Unbeteiligten, die eigenen Absichten offenbart. Erschwerend kam hinzu, dass die Dame hinter mir stand. Ich hätte ihr nach einer ziemlich umständlichen Drehbewegung erklären müssen, was man jemandem so erklärt, auf den man es abgesehen hat. Nicht sehr elegant. Es wäre vermutlich der Eindruck entstanden, ich hätte es sehr nötig.

Meine Beine wurden weich. Ich bekam Angst, meine Beute zu verlieren oder schlimmer noch: sie zu verscheuchen. Also bloß nicht in der Gesindelkutsche angreifen. Cool bleiben. Durchatmen.

S-Bahnhof Schöneweide“. Aussteigen Bitte! Ich zog es vor das öffentliche Reisegefährt gemächlich zu verlassen, während der Pöbel wie immer ein Wettrennen der Fetten und geistig Beschränkten veranstaltete. Nicht jedoch meine Beute. Während am Ausgang das Gestöhne und Gemecker begann, blieb sie hinter mir stehen. War der Moment günstig? Sollte ich attackieren? Nein – zu hektisch. Cool bleiben!

Sie ging an mir vorbei. Ich hinter ihr her. Zügigen Schrittes nahm sie Kurs auf den S-Bahnhof. Ich folgte ihr langsam. Der Abstand wurde größer. Sollte ich die Sache sein lassen? Was wenn sie nein sagte? Wozu überhaupt? Was wollte ich ihr denn sagen? „Hallo, schöne Titten! Bock zu bumsen?“ oder „Nja, mir ist da was aufgefallen. Du trägst da ein seltene Jeansjacke, wie ich sie zuletzt bei meiner Urgroßmutter sah. Wie du zu diesem Stück kamst, solltest du mir unbedingt bei einem Museumsbesuch erörtern.“. Scheiße! Zu meinen weichen Knien gesellten sich kalte Füße. Mir flogen Argumente durch den Kopf, warum es besser war, sie nicht anzusprechen. Und weil ich eigentlich nicht zur S-Bahn musste, sondern, du erinnerst dich, ein anderes Ziel hatte, stand ich nun vor dem Bahnhofsgebäude und sah zu, wie sie sich weiter und weiter von mir entfernte.

Und während ich mich meinen Zweifeln ergab, begannen meine Beine zu laufen. Erst Schritt für Schritt, dann immer schneller. Etwas in mir hatte entschieden. Ich musste sie unbedingt erreichen, bevor sie bei den Treppen ankam.

Um sie nicht zu erschrecken, durfte ich ihr nicht einfach von hinten meine Hand auf die Schulter legen. Also nährte ich mich von der Seite, bis sie mich aus dem Augenwinkel sehen konnte. Ich sagte: „Entschuldigung.“. Sie drehte ihren Kopf zu mir und blieb langsam stehen. Dummerweise stolperte sie über eine Kante, als sie mir ihren Körper zuwandte. Ich hielt sie am Arm und sagte: „Sorry, ich wollte dich nicht erschrecken. Du bist mir in der Bahn aufgefallen. Ich finde dich ziemlich attraktiv. Hast du Lust mal mit mir nen Kaffee trinken zu gehen?“. Sie: „Hm, ja ok.“. Ich: „Cool. Dann gib mir am besten deine Nummer und wir machen was aus. Ich bin Rico.“. – „Ich bin die Künstlerin.“. Wir holten unsere Handys raus. Während ich ihre Nummer eintippte, tauchten dank der Auto-Vervollständigung Nummern einiger vergangener Liebschaften auf meinem Display auf. Die Kellnerin, die Köchin, die Sekretärin, die Personalerin, die Controllerin, die Marketingangestellte, die Geschäftsführerin, die Einlasserin, die Garderobistin, zwei, drei Ladys von der Tanzfläche, die eine hinter der Bar, die andere hinter der Bar, die Clubbetreibererin, die Polizistin, die Anwältin, die Staatsanwältin, die Richterin, die Strafvollzugsbeamtin, die Notärztin, die Krankenschwester, die Chefärztin. Während die Parade an uns vorbei zog sagte sie kein Wort. Anscheinend wusste sie worauf es hinaus lief.

Abschließend sagte ich ihr, dass ich mich darauf freue sie bald zu treffen. Wir verabschiedeten uns.

Am nächsten Abend, so gegen neun, dachte ich mir: „Alter, du musst dich bei ihr melden und ihr zeigen, dass du sie willst.“. Gedacht, getan. Ich rief sie an. Sie war spontan genug sich mit mir am selben Abend zu treffen. Wir verabredeten uns zum Essen bei einem Inder um die Ecke. Witzig. Dort hatte ich ca. ein Jahr zuvor das erste Date mit der Zahnärztin.

Die Künstlerin erzählte mir, dass sie aus Bratislava komme und vor knapp 1 ½ Jahren nach Berlin kam, um hier zu studieren. Das erklärte ihren erotischen Akzent. Seit ihrer Kindheit zeichne sie leidenschaftlich gerne. Zur Zeit hauptsächlich mit Aquarell. Sie holte ein Büchlein hervor in dem sich Skizzen und aktuelle Werke befanden. Sie war gut.

Nachdem Essen verließen wir das Lokal und ich fragte, ob sie noch bei mir einen Film schauen wolle. Sie stimmte zu. Der Sex an dem Abend war der beste, den ich seit langem hatte.

In den folgenden drei Wochen trafen wir uns regelmäßig. Ich verliebte mich. Scheiße. Sie war großartig. Zumindest für mich. Zumindest in dem Moment. Sie hatte eine schlanke Figur, ein gebährfreudiges Becken und einen wohlgeformten, handvoll großen Busen. Die Augen einer Löwin zierten ihr hübsches Gesicht. Ihr dunkelblondes Haar stand strohig in alle Richtungen ab und deutete daraufhin, dass sie eine Kreative war. Und das war sie. Trotz einer langen akademischen Bildung waren Ihre Ansichten zu vielen Dingen außergewöhnlich und interessant. Sie war belesen und redete mit einer Engelszunge.

Auf der anderen Seite war sie in einigen Punkten lächerlich naiv und das obwohl sie 27 war. Ohne die Finanzierung ihrer Eltern hätte sie vermutlich ihre Wohnung verloren, oder sich an einen Mann gebunden, der sie unterstützt hätte. Aber so ist das mit den Langzeitstudis. Die Härte und auch die verborgenen Chancen des Berufslebens bekommen sie erst sehr spät zu spüren. Dennoch: Sie gefiel mir.

Zu meinem Leidwesen forderte sich mich bald auf, mich nicht zu verlieben. Zu spät. Leidenschaftlich gerne praktiziere sie die freie Liebe. Ich würgte innerlich, aber sagte kein Wort. Wenn ich mit den Bedingungen einverstanden sei, seien weitere Treffen möglich. Ich war einverstanden.

Wenn ich die Künstlerin in ihrer Wohnung traf, fand ich eine ausladend unordentliche Wohnung vor. Sie räume nur auf, wenn sie Besuch bekomme. Als ich fragte was ich denn sei, sagte sie: „Naja, nächste Woche kommt eine alte Freundin aus Bratislava. So einen Besuch meine ich.“. In der Zeit, in der ihre Freundin da war, trafen wir uns nicht. Als ich sie nach dem Besuch in ihrer Wohnung traf, war es tatsächlich ordentlicher.

Im Nachhinein betrachtet war die Künstlerin nicht nur unordentlich, sondern auch bei der Körperpflege nachlässig. Während ich mir die Mühe machte, vor jedem Treffen zu duschen, roch sie immer nach einem langen Arbeitstag. Nicht dass sie stank, es deutete jedoch darauf hin, dass sie ungepflegt war. Aber wo die Liebe hinfällt…

Nachdem ich diesen Zustand feststellte, spielte ich mit dem Gedanken, sie unter die Dusche zu schicken, wenn wir uns trafen. Es blieb beim Gedankenspiel. Entweder war ich zu verliebt, um auf diesen hygienischen Missstand hinzuweisen oder ich hatte Angst, meine frisch erworbene Quelle sexueller Befriedigung zu versiegeln. Vielleicht redete ich mir auch nur ein, dass ich verliebt war. Denn eigentlich hatten wir nur Sex, wenn wir uns trafen.

Bald schon meldete sich die Künstlerin nicht mehr bei mir. Wenn ich sie anrief, sagte sie mir, dass sie beschäftigt sei.

Zwei Wochen nach unserem letzten Treffen schrieb ich ihr eine Nachricht in der ich ihr offenbarte, dass ich an sie dachte und sie bald treffen wollte. Sie schrieb mir, dass ich nicht an sie denken sollte, sie im Moment total verwirrt sei, viel zu tun habe und wir uns eventuell nächste Woche treffen könnten. Eventuell nächste Woche?! Das war zu viel! Nachdem ich die Nachricht las, fuhr ich mitten in der Nacht zu ihr.

Zugegeben: Ich kam unangekündigt. Ihre Wohnung war sehr verwahrlost. Auch für ihre Verhältnisse. Überall lag schmutzige Wäsche und Zeug rum. In der Spüle stapelte sich schmutziges Geschirr bis zum Boden des darüber hängenden Küchenschrankes. Ich hatte sie kalt erwischt.

Sie befreite einen Stuhl von Kleidung und bot ihn mir an. Sie füllte zwei Weingläser randvoll mit Weißwein und exte ihrs. Ekelhaft. Ich trank nichts. Wie konnte eine so schöne, kluge und gebildete Frau nur so verloren sein?

Ich sagte, dass ich Klarheit wollte. Auch wenn das mit uns locker sei, erwartete ich regelmäßige Treffen. Wenn auch nur für Sex. Während sie zu jammern begann, wanderte mein Blick durch das Zimmer ihrer Einraum-Wohnung. Oh Gott, wie vermüllt es war. Mein Blick traf eine, neben der auf dem Boden befindliche Matratze, liegende Kondompackung. War gerade jemand hier?

Wut und noch mehr Ekel machten sich in meiner Bauchgegend breit. Ich ließ mir nichts anmerken. Sie weinte. Keine Ahnung warum. Offensichtlich wurde sie eben gebumst und hinterher kommt noch ein Idiot zum Quatschen. Is doch super.

Klarheit war mein Ziel. Diese hatte ich nun. Ich wusste nun, was ich vom Zusammensein mit einer Frau in Zukunft erwarten würde. Aus Höflichkeit sagte ich, dass ich mich freue, wenn sie mir bald mitteile, ob sie mich regelmäßig treffen wolle. Sie sollte sich Gedanken machen und sich dann melden. In Wahrheit wollte nun auch ich sie nicht mehr sehen. Ich ging.

Am nächsten Abend rief sie mich an. Sie sagte, dass sie vor die Wahl gestellt, mich nicht mehr treffen wolle. Ich sagte ihr, es sei ok und stimmte verständnisvoll zu. Auf einmal fing sie an mir im Jammerton zu erklären, dass sie sich von mir nicht angezogen fühlte. Offensichtlich. Sie könnte sich nicht weiterhin aus Höflichkeit mit mir treffen. Während sie jammernd weiter plapperte legte ich auf. Es war genug. Aufgrund eines gewissen Selbstschutzreflexes hatte ich in der Nacht zuvor alle Emotionen zum Rückzug aufgefordert. Und sie kamen.

Nach diesem Gespräch fragte ich mich allerdings, ob ich so bemitleidenswert wirkte, dass man das Gefühl bekam, sich aus Höflichkeit mit mir treffen zu müssen. Nicht etwa, weil mein Penis so groß war, oder ich so gut mit umgehen konnte, aufgrund meines Charmes oder außergewöhnlich guten Aussehens. Aus Höflichkeit?! Echt jetzt?

Mein Handy vibrierte. Eingehende SMS der Künstlerin. „Sorry, dass ich das am Telefon gemacht habe. Du findest sicher eine ganz ganz tolle Frau und wirst mega glücklich.“. Ich musste schmunzeln. Eine halbwegs geordnete Frau für regelmäßige Treffen wäre ein guter Anfang.

Die nächsten Tage verbrachte ich damit, die leichten Schmerzen zu verarbeiten, die mir die nun bewusst gewordene Abweisung zugefügt hatte. Ich fuhr mit dem Bus durch die Stadt.

Ich fragte mich, ob ich zu hart mit ihr war. Hätte ich mir dieses nicht enden wollende Klagelied bis zum Schluss anhören und ihr sagen sollen, dass es mein Fehler war? War es mein Fehler? Vielleicht. Offensichtlich war sie mindestens an jenem Abend in einer katastrophalen Verfassung und ich hatte nur an mich und meine Ego gedacht. Ich hatte ein schlechtes Gewissen. Ich schrieb ihr, dass ich mich dämlich verhalten hätte und es mir leid tue. Wenn sie reden wolle oder Hilfe brauche, könne sie sich gerne bei mir melden. Mehr konnte ich nicht tun.

Während ich schweren Herzens mit dem Bus durch die Stadt fuhr, sah ich am Alexanderplatz eine attraktive Frau zu mir in den Bus steigen. Alles war vergessen. Sie setzte sich mir gegenüber, schaute mich jedoch nicht an. Im meinem Kopf kreiste nur eine Frage: „Wann spreche ich sie wie am besten an?“.